06.09.2026 - „Ich sehe was, was du nicht siehst“ - Predigt zu Lk 19,1-10 am 14. Sonntag nach Trinitatis (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

Predigt zu Lk 19,1-10

„Ich sehe was, was du nicht siehst“

am 14. So. n. Tr., 06.09.2026
Friedenskirche Zedtwitz und Hospitalkirche Hof

Pfrin. Sr. Elise Stawenow

 

Liebe Gemeinde!

Ich sehe was, was du nicht siehst. Das ist ein Spiel, das wir in unserer Kindheit häufig gespielt haben. „Es ist grün…“ Und dann sucht man. Je länger es dauert, umso mehr freut sich das Gegenüber. Erst vor kurzem hatte ich die Gelegenheit mit Kindern im Auto zu spielen. Welch Freude, wenn ich es immer noch nicht rausbekommen hatte…!

„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Das ist auch eine Weisheit des Lebens.
Jeder Mensch hat einen anderen Blickwinkel, eine andere Perspektive. So wie sie oder er sieht niemand die Welt.

Gestern las ich in der Wochenzeitung DIE ZEIT:

„Viele schauen gerade nach Sachsen-Anhalt. Viele, weil sie Angst haben wegen der anstehenden Landtagswahl. Das ist sehr verständlich. Aber: Man kann eben auch auf das Bundesland schauen, um etwas anderes zu finden – Hoffnung.“

Der heutige Sonntag lädt ein, mal das zu sehen, was ich nicht auf dem ersten Blick sehe.
Den kleine Mann Zachäus, der auf den Baum klettert, um Jesus zu sehen, kennen viele aus dem Kindergottesdienst. Langweilig vielleicht?

Ich möchte mit Ihnen auf die Suche gehen, das zu sehen, was wir nicht auf dem ersten Blick sehen.
Drei Mal kommt sehr prominent das Wort „sehen“ vor. Diese Stellen nehme ich unter die Lupe:

(1) Und Zachäus begehrte Jesus zu sehen, wer er wäre. (19,3)

Von außen sehen wir einen „Oberen“, der berechtigterweise unbeliebt war. Nicht nur, dass er willkürlich Zoll einnahm. Nein, er war auch Kollaborateur mit der Besatzungsmacht. Damals besetzen die Römer die Provinz Judäa. Für sie nahm Zachäus den Zoll ein.
Wer sieht, dass in ihm noch so viel mehr steckt?
Ich stelle mir Gefühle der Minderwertigkeit vor, die sich auch mit Reichtum nicht ertränken lassen. Der Versuch, das Minderwertigkeitsgefühl mit einer Machtposition zu besiegen, hilft nicht. Es macht ihn einsam.
Es wächst eine Sehnsucht. Niemand kann sie erahnen. Oder sehen.
Vielleicht ist es die Sehnsucht dazuzugehören. Der Wunsch, nicht zwischen den Stühlen zu sitzen. Die Hoffnung, Zufriedenheit zu finden.
Es gibt Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen, die diffus sind. Wenn man die Menschen fragt, was konkret sie sich wünschen, wissen sie es nicht. Sie kennen nur ihre Unzufriedenheit.
In Gesprächen um Politik erlebe ich, dass Menschen wenig konkrete Vorstellungen haben, aber der Meinung sind „denen da oben mal eins auszuwischen“. Und das als ihre Motivation für eine bestimmt politische Richtung sehen.

Ob Zachäus eine sehr konkrete Motivation hatte oder eine diffuse; ob es Neugier war oder Leidensdruck:  Seine Suche (so steht es wörtlich im Griechischen) richtet sich auf Jesus. Erklärt wird das nicht. Zachäus scheint über Jesus gut informiert zu sein. Das ist nicht verwunderlich, am Zoll kommt er mit vielen Menschen in Kontakt. Was wünscht er sich von Jesus? Wir wissen es nicht.
„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ ( 1Sam 16,7)

2. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf. (19,5)

Den, der in der Menschenmenge übersehen wird, sieht Jesus.
Der, der dachte, er hätte einen sicheren Beobachtungsposten auf dem Baum, wird entdeckt von Jesus-
So viele Menschen wären in der Menge gewesen, die Jesus hätte sehen und ansprechen können.
Er aber schaut nach oben.
Jesus blickt auf – Jesus blickt nicht herab. Das ist der entscheidende Unterschied.
Es ist ein Blick, der verändert.

Eine Performance in New York 2010 im Museum of Modern Art.  Die Künstlerin Abramović hat es sich zur Aufgabe gemacht an einem Holztisch Besuchern regungslos ins Auge zu schauen, die sich ihr Gegenüber an den Holztisch setzen. Manche versuchen sie mit Grimassen oder anderen intensiven Blicken aus der Fassung zu bringen, doch sie bleibt unbewegt. Dann geschieht etwas völlig Unerwartete: Ihr Ex-Partner setzt sich vor sie. Es ist die erste Begegnung nach über zwanzig Jahren. Als sie ihn sieht, verändert sich die vorher so unbewegte Miene. Ein Lächeln, ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das ganze Museum kann es spüren. Hier geschieht etwas, ein ganzes Leben voller Liebe, aber auch Schmerz und Trennung, verdichtet sich in diesem wortlosen Blick. (erzählt nach Andrea Jung, Lespredigt der VELKD zum 06.09.2026)

Ein Augenblick, der verändert. Das ist das Aufblicken Jesu.
Stelle ich mir vor, er würde mich anschauen? Was würde er anrühren? Welche Gefühle hätte ich?

3. Da sie das sahen, murrten sie alle.(19,7)

Die Menge sieht nicht das, was Jesus sieht:
Einen Mann, der vom Baum hüpft vor Freude und Jesus einlädt.
Einen Zöllner, der nicht nur die Taschen leert, sondern vor allem, das Herz öffnet.
Einen armen Schlucker, der eine große Sehnsucht hat.

Bei den „Leuten“ zählen Stereotype: Der Reiche. Der Ausbeuter. Der Lügner. Nicht immer zu Unrecht. Auch bei Zachäus.
Manche können nicht hinter Erfahrungen zurück, die sie selbst einmal gemacht haben.
Ich kenne diese Sätze solche Sätze über „die Ausländer“, „die Regierung“, „den Islam“.
Hier ist es „Der Sünder“.
Und wie ein Lauffeuer verbreitet sich die empörten Nachrichten, vermischt mit Gerüchten. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ – „Zu so einem geht der.“
Schnell wird sowas gewöhnlich zu Falschmeldungen und Verschwörungsmythen.“
Der Blick der Masse täuscht.
Ein Mensch sieht eben doch nur das, was vor Augen ist.
Glauben Sie, was sie sehen und hören?
In unserer Zeit ist das noch komplexer geworden. Hier geht es nicht nur um ein Lauffeuer, das von Mund zu Mund und Haus zu Haus geht?  
Wir bekommen Nachrichten vom Algorithmus  zugespielt, die vor allem darauf zielen, schnell  Aufmerksamkeit zu bekommen. Für den „Raige-Bait“ – den digitalen Wut-Köder – würde sich die Geschichte von Zachäus gut eignen. Es provoziert Empörung und das bringt viele Interaktionen auf den Sozialen Medien und das bringt Gewinn.

Die Erzählung von Jesus und Zachäus lädt uns ein, dahinter zu sehen, tiefer zu schauen.
Dann sehe ich in Sachsen-Anhalt Hoffnung: Weil sie so viele Menschen wie nie für Demokratie, Vielfalt und Menschenwürde in kreativen Formen engagierten.
Ich sehe hinter dem Gehabe des Machos das kleine Kind, das sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt.
Ich sehe was, was du nicht siehst: Und zwar ganz persönlich in mir. Dass auch ich mir wünsche, dass Jesus zu mir aufblickt und sich bei mir einlädt.

„Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.“ sagt Jesus als Schlussswort.
Die Veränderung – der absolute Blickwechsel – den Zachäus mit Jesus vollzogen hat, bleibt nicht bei ihm. Das hat Folgen für sein Umfeld, für seine Familie, seine Angestellten, für den Ort.

Wie viel Heilung würde geschehen, wenn wir uns auf den liebenden Blick Jesu einlassen?

Ich höre im Spiel die Kinderstimmen jauchzen, weil sie sofort sehen „was du nicht siehst“: Es ist rot wie die Liebe. Blau wie der Himmel. Und grün wie die Hoffnung.
Amen.