26.07.2026 - "Schwerter zu Pflugscharen" - Predigt zu Jes 2,1-5 am 8. Sonntag nach Trinitatis (Pfarrer Stefan Fischer)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Wir hören das Predigtwort aus dem Buch des Propheten Jesaja im 2. Kapitel:

 

Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amos, geschaut hat über Juda und Jerusalem:

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben,
und alle Heiden werden herzulaufen,
und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns zum Berg des HERRN gehen,
zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege
und wir wandeln auf seinen Steigen!
Denn von Zion wird Weisung ausgehen
und des HERRN Wort von Jerusalem.
Und er wird richten unter den Heiden
und zurechtweisen viele Völker.

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen
und ihre Spieße zu Sicheln machen.
Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,
und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob,
lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Liebe Gemeinde,

„Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln
im Licht des Herrn!“

O ja, möchte man einstimmen in dieses Angebot Gottes – so wunderbar ist die Verheißung, die hier ausgesprochen ist.

Jesaja hat hier eine Vision, die unsere Träume anspricht:

Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln!

Endlich Frieden auf Erden – dauerhaft gesichert.

Wunderschön ist diese Vision, doch auf den zweiten Blick auch etwas verwunderlich:

Jesaja sieht die Völker, wie sie sich gegenseitig zum Guten ermutigen.
Wie sie sich mitreißen lassen, nach dem Willen Gottes zu fragen, im Lichte Gottes zu wandeln, im Frieden zu leben und Frieden zu halten.
Ist es denn sonst nicht gerade umgekehrt: Schlechte Menschen ermutigen zum Schlechten und reißen andere mit in den Abgrund?

Und ist es nicht auch so, dass der eigene Wille mehr zählt als Gottes Wille?

Aber hier bei Jesaja ist es gerade umgekehrt:

Wenn diese Vision einmal Wirklichkeit wird, dann ist das Paradies da, dann ist das Reich Gottes wirklich wahr geworden.

Dann lösen sich die weltweiten Konflikte, die immer wieder aufflammen und uns in Atem halten, wie von selbst.
Dann lösen sich auch Probleme in Ehe, Familie, Beruf und Gemeinde von selbst.
Es gibt keine Streitereien mehr; kein Gezänk, kein Geschrei.

Gegeneinander wird zum Miteinander.

Von einer gewaltigen Völkerbewegung berichtet uns Jesaja.

Massen von Menschen unterschiedlichster Abstammung und Nation auf ihrem Weg hin zum einen Gott.

Gott ist das Ziel aller Völker.
Auf ihn sind alle Blicke und Hoffnungen gerichtet.
„Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen,
zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre
seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!“

Jesaja schaut das Reich Gottes.

Es ist dasselbe Reich Gottes, von dem auch Jesus in vielen seiner Gleichnisse gepredigt hat.

Und wir wissen: es ist das dasselbe Reich Gottes, dass mit Jesus Christus angefangen hat zu wachsen wie ein Senfkorn, und dass am Ende der Zeit mit Jesus selbst zur Vollendung kommt.

Ein schönes und trostvolles Verheißungswort steht über unserer Welt, über ihrer Geschichte, über uns selbst.

Es steht über unserer Welt, die bestimmt wird von Krieg und Gewalt.

Und das wird auch – so fürchte ich – noch eine Zeit lang so bleiben: Krieg, Terror, Unfriede.

Und doch wird Jesus Christus auf dieser ach so friedlosen Erde sein Reich vollenden.

Ja, er hat schon damit begonnen: Sein Kreuz ist auf Golgatha aufgerichtet – als sichtbares Zeichen dafür.

 

Immer wieder ist Gottes Reich nur ausschließlich als unsichtbares Reich missverstanden worden: Als ein inneres, geistlich überhöhtes Reich.

Die Vision des Jesaja widerspricht dem:

Gottes Reich ist natürlich geistlich und hat natürlich was mit der inneren Einstellung zu tun – mit dem eigenen Glauben.

Doch Jesaja sieht Gottes Reich auch als ganz gegenständlich und alltäglich – auch politisch.

Jesus selbst hat dies nie anders verstanden.

Es gibt keinen Glauben ohne die Welt, in der man lebt.

Gott schenkt mir Glauben und das hat Auswirkungen auf meinen Alltag und meine Begegnungen mit Menschen.

Ich versuche, anders zu leben, zu denken, zu handeln, mein Leben bewusster mit Gott zu gestalten.

Und da fängt Politik an.

Das ist die handfeste Vision des Jesaja !
Jesaja träumt unsren Traum vom Friedensreich Gottes mit.

 

Wir teilen unsere Sehnsucht nach Frieden mit den Israeliten damals vor 2500 Jahren.

Damals waren es nur noch wenige, die diesen Traum träumen konnten.

Denn die Mehrzahl der Israeliten hatten in der Katastrophe der babylonischen Gefangenschaft längst aufgegeben zu hoffen, und viele sind daran zu Grunde gegangen.

Nur noch wenige träumten davon, dass sie endlich wieder heimkehren dürfen.
Dass sie wieder einen Tempel bauen, sich wieder um die Mitte ihres heiligen Berges Zion, versammeln dürfen.

Sie träumen vom Frieden, vom Leben ohne Kampf und Kriegsgeschrei: In äußerer Ruhe alt werden, das Land bebauen, pflügen und ernten, sähen und schneiden.

Pflugschar und Sichel, statt Schwerter und Speere!

Dafür wollen sie leben.
Dazu lohnt es sich, zu arbeiten.

Die Menschheit träumt immer noch diesen Traum!

Deutlich sichtbar an dem Denkmal, das vor dem Gebäude der UN in New York steht.

Dieses Denkmal ist vor 67 Jahren ein Geschenk der damaligen Sowjetunion an die Völkergemeinschaft.

Es stellt einen Mann dar, der mit aller Kraft ein riesiges Schwert zu einem Pflug umschmiedet.
Und darunter stehen diese Worte des Jesaja:
„Sie werden Schwerter zu Pflugscharen machen!“

„Schwerter zu Pflugscharen“, das war auch vor über
40 Jahren die Parole der Friedensbewegung in der
damaligen DDR.
Das gottlose Regime damals hat es nicht gern gehört, obwohl dieselben Machthaber sich immer zu den „friedliebenden Völkern“ gezählt hat.
Wir sehen: Vom Frieden reden und den Frieden tun, das waren schon immer zwei Seiten.

Und das ist auch leider heute noch so.

Ja, der Weltfrieden war eigentlich schon immer nur ein Traum gewesen, eine Vision.
Ein Traum, der zu wenige Kriege verhindert hat.
Wahrscheinlich, weil die Menschen andere Interessen verfolgen.

Weil nationale oder persönliche Motivationen die Interessen der internationalen Völkergemeinschaft überwiegen.

Momentan wird aufgerüstet wie selten zuvor.

Prinzip der militärischen Abschreckung – hat zu Zeiten des Kalten Kriegs funktioniert.

Aber es genügen wenige kranke Köpfe um die Welt in den Abgrund zu stürzen.
Die Geschichte ist voll davon – die Gegenwart auch.

Darum weiß auch die Bibel.
Ganz nüchtern beschreibt sie: Kein einziger Mensch wird der Welt dauerhaften Frieden schenken.

Wer das glaubt – der träume weiter!

Der 28-jährige Dietrich Bonhoeffer sagt dazu auf der Fanö-Konferenz 1934, Zitat:
Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens?
Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier über Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede heißt sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt. Wer von uns darf denn sagen, daß er wüßte, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge? (Gideon: ...des Volkes ist zuviel, das mit dir ist ... Gott vollzieht hier selbst die Abrüstung!)

Zitat Ende.

Was Bonhoeffer hier sagt, meint:

Dauerhafter Friede wird nur von Gott ausgehen.
Echter Friede ist ein Geschenk Gottes.

Erst wenn sich die Völker aufmachen hin zu Gott und sich von ihm zurüsten lassen – dann wird Frieden einkehren.

Und das ist genau das Zukunftsbild des Jesaja!

Gott selber schafft den Frieden in der Völkerwelt.

Denken Sie jetzt vielleicht: ach Pfarrer, träum weiter!
Das wird nie geschehen!?

 

Wenn wir nur hoffen, dass sich der Friede im Großen einstellt, und wir uns nur zurücklehnen brauchen, dann muss ich den Zweiflern Recht geben.

 

Lasst uns vielmehr immer wieder im Kleinen anfangen.

Jeden Tag im Frieden Gottes beginnen.

Wie sich Streit meist an Kleinigkeiten entzündet, so fängt der Friede fängt auch im Kleinen an.

Bei mir selbst!

Im Suchen nach Gottes Frieden am Morgen im Lesen der Bibel, im Gebet.

In der Bitte um einen liebevollen Umgang mit meinen Mitmenschen;
im Blick auf meine Unvollkommenheit, der mich demütig macht, und meinem Nächsten gegenüber barmherzig.

Im gemeinsamen Suchen nach Lösungen, auf denen Gottes Segen liegt.

Dabei kann der Blick auf die Zukunft, die Gott uns schenken will, helfen.

Doch er kann meine Verantwortung für den Frieden nicht ersetzen.

Es ist mein Weg zu Gott hin, der den Weg zum Frieden hin bereitet.

Erst wenn ich bereit bin, meine eigenen persönlichen Interessen hintenanzustellen,
erst, wenn bereit bin, mich für Gottes Frieden zu öffnen,
wird auch Friede in mir werden,
wird auch Friede von mir ausstrahlen

 

Streit fängt klein an – Friede muss klein beginnen.
Fangen wir an und machen wir Ernst
Wenn jeder von uns heute wirklich anfangen würde, ernst zu machen mit Gottes Frieden
– bei sich selbst
- in seinem Haus, mit seiner Familie, mit seinen Arbeitskollegen
– wenn jeder von uns heute anfangen würde, Gottes Frieden reichlich auszuteilen, Gottes Friede würde weiterwachsen in die Welt hinein.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.