14.06.2026 - "Ich hab Zeit" - Predigt zu Matthäus 11,25-30 am 2. Sonntag nach Trinitatis (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
ich stehe im Supermarkt an der Kasse, ein paar volle Einkaufswagen vor mir, die zweite Kasse ist wieder mal geschlossen.
Und ich habe keine Zeit.
Eine Frau hinter mir schiebt mir ihren Wagen ins Geläuf.
Nicht mal Rentner haben Zeit, denke ich mir.
Und vor mir hat eine Mutter Stress, weil ihr Kind die Kassenzone mit Süßigkeiten leerräumen will.
Und jetzt holt der Mann da vorn sein Geld raus, der will doch nicht etwa das Kleingeld hinzählen, die Ruhe möchte ich haben.
Endlich bin ich dran.
Natürlich hab ich die falsche Pin eingegeben, bei dem Stress kein Wunder, endlich raus.
Oh nein, der hat aber nah ran geparkt, und wie komm ich ins Auto? So schlank war ich früher mal.
Ich wünsch mir einfach mal Ruhe.
Warum jage ich eigentlich so durchs Leben.
Besonders bewusst wird’s einem, wenn man ein teures Foto bekommt, weil man zu schnell unterwegs war.
Nötig ist es meist nicht.
Und trotzdem haben wir das Gefühl:
Termine jagen uns, Feste und Feiern.
Die Sorge um unser finanzielles Auskommen macht uns zu schaffen; wird es reichen, wenn ich im Ruhestand bin?
Und falls mich mal keine persönlichen Sorgen plagen, dann werden mir über die Medien neue kredenzt:
Gewalt, Terror, Krieg, Naturkatastrophen, Skandale … - na gut; jetzt gibt’s Fußball als Opium für die Seele.
Ich hab den Wunsch, es ginge vorüber, schnell, dass man wieder ein normales Leben führen kann.
Überhaupt, ein normales Leben führen, die Natur genießen, mit dem Hund spielen und vor allem Ruhe, einfach Ruhe finden, so ganz tief drin.
Aber geht das überhaupt?
Kann ich das noch?
Wir hören Worte, die von Jesus aufgeschrieben sind.
Sie sprechen mich an in meiner Unruhe.
Ich lese uns den Predigtabschnitt aus dem Matthäusevangelium im 11. Kapitel, die Verse 25-30:
25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach:
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Liebe Gemeinde,
da bleibe ich hängen.
Jesus kannte also auch schon unruhige Menschen.
Das ist nicht nur mein Problem, das gab’s damals auch schon.
Und Jesus weiß einen Weg.
Er weiß, dass wir keine Zappelphilipps sind, sondern dass unsere Unruhe eine tiefe Ursache hat.
Dass unser Leben oft so belastet ist, dass wir keinen Frieden mehr finden.
Dass wir uns übereinander ärgern, voreinander Angst haben und so viel mit uns herumschleppen, dass wir einfach bald nicht mehr können.
Und dann stehen wir an der Kasse oder an der roten Ampel und denken, das kann doch nicht wahr sein.
Auch das noch.
Wieso denn auch das noch - was ist denn da noch alles da?
Und darum geht es.
Manchmal wird das Leben zur Last und dann sind es Kleinigkeiten, die uns fertig zu machen drohen.
Von den großen Dingen mal ganz zu schweigen.
Im Großen wie im Kleinen wird sich unser Leben, unsere Umwelt verändern.
Der Umbau unseres Sozialstaates ist im vollen Gang – oder sollte ich vielleicht besser sagen: der Abbau.
Global gesehen verändert sich unsere Welt seit geraumer Zeit hin zu Problemen, die wir so noch nicht hatten: Überbevölkerung, Nahrungsversorgung, Rohstoffverknappung, Energiewandel, Klimaveränderung, Völkerwanderungen, religiös motivierter Terrorismus, … Ich habe da immer das Gefühl, die Liste ist noch nicht vollständig.
Im Großen und Ganzen haben wir die letzten 25 Jahre im Goldenen Westen gelebt, ohne ausreichend daran zu denken, dass es so gar nicht weiter gehen kann.
Also mir persönlich reichen eigentlich schon meine persönlichen alltäglichen Probleme.
Wer weiß, was da noch alles kommen wird?
Sind wir darauf vorbereitet?
Jesus hat Menschen mit Lasten einfach eingeladen.
Kommt her zu mir.
Ihr beladenen.
Ihr mit Eurer Hektik und eurer Angst,
Ihr mit Eurer Wut und mit Eurer Hilflosigkeit.
Ich will euch erquicken.
Das heißt: ich will euch erfrischen.
Und das wiederum könnte heißen: ich will eurem Leben neue Kraft, neuen Antrieb, neuen Sinn geben.
Wäre die Frage, wie das geht.
Und Jesus sagt: stellt euch unter meine Leitung.
Richtet euer Leben nach mir ein.
Und das ist das Entscheidende und Anstrengende.
Denn wir haben ja alle auch unsere Regeln und Vorstellungen – neben den großen für alle gemeinsam verbindlichen.
So wird es gemacht, sagen wir.
Und wenn wir nix zu sagen haben: Dann denken wir doch: Ich hätt’s anders gemacht.
Auch unseren Kindern sagen wir: So gehört sich des, oder so gehört sich’s net.
Und wir geben damit weiter, was uns schon weitergegeben worden ist und wo wir meinen, so muss es sein.
Aber muss es wirklich immer so sein, weil’s scho immer so wor?
Jesus sagt: es gibt nur ein einziges: so muss es sein.
Und das sind meine Spielregeln.
Und da kann natürlich jeder sagen: und warum gerade der.
Da kann ja jeder kommen.
Und Jesus sagt selber: weil ich sehr gut weiß, wie Gott das mit euch will.
Ich habe einen direkten Draht zu Gott, den Ihr nicht habt.
Und ich kann euch das weitergeben, sozusagen im O-Ton, was Gott Euch sagen möchte.
Und hier liegt unsere Entscheidung.
Nehmen wir das ab, dass Jesus das so sagen kann, dass Jesus diesen Draht zu Gott hat, oder halten wir den Jesus für einen ganz guten Menschen, oder vielleicht noch für unseren „Sonntagsgott“; aber das war’s dann auch – denn in unserm Alltag gelten doch andere Regeln.
„Die Gesetze des Marktes“
„Der Ober sticht den Unter“
„Wer am lautesten Schreit und am hellsten blendet, den nimmt mer wahr.“
So is es doch – song mer oft und mühen und schleppen uns weiter durchs Leben.
Wir haben aber einen Draht zu Gott!
Und es lohnt sich doch, diese Verbindung zu nutzen und auf Gottes Ideen zu hören und zu achten.
Und das sind Ideen, die uns unser Leben ganz anders einrichten lassen.
Jesus wird uns wahrscheinlich nicht sagen, wie wir unsere Finanzkrise beenden können, oder wie wir unsere Steuererklärung auszufüllen haben.
Aber er kann uns sagen, wie wir in dieser und anderen Krisen ehrlich und wahrhaftig bleiben können, menschenwürdig und respektvoll.
Es gibt genug Fachleute, die davon reden, dass es mehr Unruhen in der Welt geben könnte, in der Welt, aber auch in unserem Land, wenn z.B. die soziale Schere zwischen reich und arm weiter auseinandergeht, wenn die Neonazis und die Parteien am äußersten rechten Rand weiter Zulauf bekommen, wenn die wirtschaftliche Lage bei uns wieder schlechter werden wird.
Unruhen können heilsam sein, weil das Volk sich wehrt, wie vor über 35 Jahren friedlich in die Wiedervereinigung führen.
Sie können aber auch in einer Katastrophe enden, wenn die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.
Wir Menschen entscheiden über den richtigen Weg.
Wir können lernen, mit weniger zu leben oder wir können wie die Tiere übereinander her fallen.
Kommt her zu mir mit all den Lasten, sagt Jesus, damit es euch in den Lasten erträglich geht.
Unser Glaube ist eine Chance, gerade in diesen schwierigen Zeiten, die wir jetzt persönlich vielleicht schon haben oder die kommen werden.
Unser Vertrauen auf Christus ist eine Chance, in unseren undurchsichtigen Lebenslagen einen zu haben, der für unser Leben den Durchblick behält.
Meine Glaubenserfahrung ist:
Wenn ich meinen Weg mit Gott habe, fühle ich mich sicherer, geborgener, ausgeglichener.
Ich fühle mich dann nicht mehr, wie der sog. „Spielball“ der Mächtigen oder Lästigen oder Nervigen, weil ich tief in mir gewiss bin:
Gott hält mich.
Die Macht des Himmels und der Erden ist mit mir.
Er nimmt mich ernst.
Er kennt meine Probleme.
Er trägt mit mir meine Last.
Sein Segen durchdringt mich und verändert mich.
Und dann werde ich ruhiger, gelassener, freundlicher, hilfsbereiter.
Dann schaff ich’s sogar, an der roten Ampel ruhig zu bleibn und denkmer: Was regst dich eigentlich auf?
Oder ich dreh mich an der Kassa ruhig um und sog freundlich zur hektischen Person hinter mir: „Sie derf’n ruhig vor geh. Ich hob Zeit.“
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.