19.04.2026 - "Kein falscher Idealismus" - Predigt zu 1.Petrus 2,21b-25 am "Hirtensonntag" Miserikordias Domini (Pfarrer Stefan Fischer)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext steht im 1. Petrusbrief, Kapitel 2, 21-25.

Ich nehme noch einige Verse davor dazu, nur dann wird die Brisanz des Textes deutlich:

Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.
Denn das ist Gnade, wenn jemand von Gott um des Gewissens willen das Übel erträgt und leidet das Unrecht.
Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr um schlechter Taten willen geschlagen werdet und es geduldig ertragt?
Aber wenn ihr um guter Taten willen leidet und es ertragt, das ist Gnade bei Gott.
Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus für euch gelitten hat und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde,
nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

Soweit unser Predigtwort, Gott segne unser Reden und Hören.

 

Liebe Gemeinde,
der Text ist starker Tobak.
Er muss aus heutiger Sicht großes Unbehagen, ja Widerstand hervorrufen.
Er scheint das Leiden zu glorifizieren und dazu aufzurufen, sich möglichst widerstands- und willenlos erlittener Ungerechtigkeit und Schikane zu fügen.
Das Einüben in ungerecht zugefügtes und erlittenes Leid bezeichnet der Autor des vorliegenden Briefes sogar als Gnade.
So werden die Sklaven dazu aufgefordert, dankbar Unrecht hinzunehmen und sich willig von ihren Herren schlagen und misshandeln zu lassen.
Das muss in unseren Ohren unerträglich klingen.
Nicht nur, dass die Sklaverei hier nicht, wie bei Paulus, in Frage gestellt wird: Sie wird sogar als besonders anschaulicher Ort proklamiert, an dem unschuldig für Christus gelitten werden kann.
Leiden, insbesondere unschuldiges Leiden, wird hier rücksichtslos mit Sinn aufgeladen: Weil Christus unschuldig gelitten hat, deshalb ist es gut und sinnvoll, wenn auch Christen unschuldig leiden.

Ja, das unschuldige Leiden wird sogar in Analogie zum Leiden Christi als Heilsweg interpretiert, als „Gnade von Gott".

Leiden ist in der Nachfolge des leidenden Christus Berufung und heilsam für die ihm nachfolgenden Christen.

 

Es ist nicht einfach, in solchen Sätzen etwas anderes als puren Zynismus zu erblicken, vor allem nicht nach der bedrückenden Berichterstattung über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in vorwiegend katholischen Einrichtungen in den letzten Tagen, Wochen und Monaten.

Da vertrauen Kinder und Jugendliche ihren Lehrern oder dem Pfarrer in der Annahme, dass dieser verantwortungsvoll und gut mit ihnen umgeht.

Tatsächlich aber erweisen sich die Geistlichen gegenüber den ihnen anvertrauten Seelen nicht als gute Hirten, sondern als Wölfe, als diejenigen, die Vertrauen auf unerträglichste Weise missbrauchen, die Gewalt und Nötigung anwenden, um die Körper und Seelen von Kindern und Heranwachsenden auf das schlimmste zu verletzen.

Ich kann gar nicht ausdrücken, wie mich solches Verhalten von Kollegen und „Brüdern im Herrn“ anwidert.

Die Opfer, all die missbrauchten Menschen, in denen der Missbrauch niemals verjährt, sondern sie lebenslang heimsucht.

Ja es ist schon schwer zu verstehen warum verletzte Seelen über Jahrzehnte hinweg schweigen.

Aber sie Tuns, aus Scham und Schuldgefühl.

Vielleicht auch, weil Vorstellungen, wie sie der Petrusbrief formuliert, indirekt noch in ihnen nachwirken:

„Ich darf mich nicht wehren gegen unschuldig erlittenes Leiden, ich kann vielleicht jenseitig auf Gerechtigkeit hoffen, aber nicht vor irdischen Gerichten Gerechtigkeit einklagen. Ich muss mich fügen, ich darf nicht schmähen, obwohl ich geschmäht wurde. Vielleicht war es ja sogar gut und heilsam für mich, in dieser Weise gedemütigt und verletzt worden zu sein."

Dass Opfer von Schlägen und von sexuellem Missbrauch Mühe haben, sich zur Wehr zu setzen, ist in vieler Hinsicht verständlich.

Nicht verständlich ist es, dass die Kirchenhierarchie, die etliche Täter kannte, quälend lange schwieg und nichts oder doch nur sehr halbherzig etwas unternahm.

Täter wurden gedeckt und nicht etwa zur Rede gestellt und der Staatsanwaltschaft gegenüber angezeigt.

Erst der Druck der Medien zwingt die katholische Kirche jetzt dazu, sich mit dem skandalösen Verhalten mancher ihrer Priester und Bischöfe in der Vergangenheit offen auseinanderzusetzen.

Die Kirchenleitung kann sich nur schwer eingestehen, dass die pastoralen Hirten weit hinter dem ihnen gesteckten Vorbild Christus zurückgeblieben sind, ja, dass sie diesem Vorbild eklatant mit ihrer Lebensführung widersprachen, dass sie nicht Wunden heilten, sondern Wunden schlugen, nicht Seelen trösteten, sondern zutiefst verletzten.

 

Es ist hochgradig riskant, christliche Lebensführung so gnadenlos zu idealisieren und zu moralisieren, wie es der Petrusbrief und in dessen Nachfolge die Kirchen oft taten und teilweise noch bis heute tun.

Das kann eigentlich nur schiefgehen.

Insbesondere fanatische religiöse Gruppierungen führen uns die Folgen solche Selbstidealisierung immer wieder höchst beklemmend vor Augen.

 

Martin Luther hat aus tiefster und gnädiger Menschenkenntnis darauf beharrt, dass Christen nicht per se die besseren Menschen sind, sondern Sünder bleiben.

Christen werden die Welt nicht erlösen, weder mit ihrem unschuldigen Leiden, noch mit ihrem Handeln.

Christen bleiben Menschen mit großen Ambivalenzen, mit dunklen und riskanten Seiten, mit Gebrochenheit und einer irritierenden Nähe zu Verrat und Verleugnung.

Die Passionserzählungen führen das im Hinblick auf Petrus und Judas bedrückend deutlich vor Augen.

Das Eis, auf dem wir gehen, ist brüchig und dünn.

Deshalb ist für Paulus wie für Luther der bleibende Unterschied zwischen Christus und den Seinen elementar.

Wir bekennen Christus als Erlöser, um uns von überbordenden, welterlösenden Ansprüchen zu entlasten und uns und andere nicht heillos zu überfordern.

Wir sind endliche, krumme Menschen und können an dem Anspruch, wie Christus „ohne Sünde" zu sein, nur scheitern.

Die Folge von zu viel hehren Ansprüchen ist nicht nur ein humorloser Perfektionswahn und mangelnder Realismus im Umgang mit sich selbst.

Noch schlimmer ist, dass die Selbstidealisierung Verleugnung, Vertuschung und ein inhumanes Verhalten anderen gegenüber geradezu provoziert.

 

Christinnen und Christen können im Vertrauen auf Gott ihre Mehrdeutigkeit wahrnehmen und aushalten.

Sie können darauf verzichten, sich selbst und anderen gegenüber einer moralisch einwandfreien und jederzeit stimmigen Identität vorzugaukeln.

 

Das heißt aber nicht, dass der Satz „Wir alle sind halt Menschen“ Missbrauch und andere Verbrechen entschuldigt!

Es erklärt, warum es sowas leider Gottes in unserer Welt gibt – aber es entschuldigt gar nichts.

Der Mensch bleibt für das, was er tut verantwortlich.

Keine Vergebung ohne echte Buße und Reue und auch Sühne.

 

Wir Christen können aber mit dieser inneren Widersprüchlichkeit leben.

Paulus hat das im Römerbrief, Kapitel 7, einmal so ausgedrückt: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

 

Dieser Widerspruch in uns lässt sich nur im Glauben an Gott ertragen.

Der Theologe Eberhard Jüngel hat einmal gesagt: „Als Glaubender ertrage ich die Unterscheidung des Menschen von sich selbst, indem ich Gott zwischen mir und mir wohnen lasse."

 

Ein sprechendes Bild: Ich lerne meine Widersprüchlichkeit zu ertragen, weil Gott sie erträgt

Und zum Glück gibt es darüber hinaus in der Regel auch noch ein paar gute Menschen um mich herum, die sie ertragen.

 

Die Frage nach der Einheit meiner Identität muss mich nicht mehr quälen, weil Gott sie schon beantwortet hat und „zwischen mir und mir wohnt".

Er hält mir die Treue, auch wenn es mir schwerfällt, ihm oder mir selbst die Treue zu halten.

Das wiederum kann mir helfen, mich dieser Welt zuzuwenden und mich nicht ständig mit meinen Kränkungen und Selbstzweifeln, mit meinen Schuldgefühlen und meinem Misstrauen anderen gegenüber zu befassen.

Jenseits von Unschulds- und Allmachtswahn, jenseits von Erlösungsphantasien und Moralismus können wir darauf vertrauen, dass Gottes Gnade darin besteht, dass er krumme Menschen dazu nutzt, seine Welt voran zu bringen, dass er uns Menschen, oft erbärmlich schwankend zwischen Selbstabwertung und Selbstüberschätzung, zur Resonanz seines Willens befähigt.

Entlastet von dem Anspruch, wir müssten eigentlich die besseren Menschen sein, werden wir dann tatsächlich fähig, Gutes zu tun, gegen unnötiges Leid vorzugehen, Wunden zu verbinden und verletzte Seelen zu trösten.

Die Kirche, auch die katholische Kirche, versucht der Mission Jesu, sich um die verletzten Seelen zu kümmern, insbesondere in der Seelsorge nachzukommen.

Es gibt Orte, an denen die Seelen von Menschen ganz besonders gefährdet und verletzt sind - im Gefängnis und im Krankenhaus zum Beispiel.

 

Jesus Christus ist der gute Hirte und Bischof unserer Seelen.

Jesu Mission als guter Hirte war es, dass verlorene Menschen gefunden werden, dass sie heil werden, dass Verletzungen, Schikane, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung überwunden werden - nicht etwa, dass unschuldiges oder unnötiges Leiden verlängert oder gar verherrlicht wird oder dass sich Menschen willen- und widerstandslos dem Lauf der Welt beugen.

Wir sind seine Nachfolger, wenn wir um unsere Grenzen und um unserer innere Widersprüchlichkeit wissen,
und wenn wir die Augen öffnen für die verlorenen oder verletzten Seelen in unserer Umgebung.

Sie warten auf ein tröstliches Wort oder auf eine hilfreiche Geste von uns.

Vielleicht warten auch wir darauf, nicht permanent nur als starke und leistungsfähige Personen, sondern auch als verletzliche Menschen angesprochen, getröstet und in den Arm genommen zu werden.

Die Kirche Jesu Christi ist und bleibt eine seelsorgerliche Kirche, sensibel für die Wunden und verletzten Seelen. Sie lässt die Opfer, die Verzagten, die Leidenden nicht im Stich.

Amen.

 

Der Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.