03.05.2026 - "Im Glauben bleiben" - Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34 am Sonntag Kantate (Pfarrer Stefan Fischer)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Wir hören das Predigtwort aus der Apostelgeschichte des Lukas im 16. Kapitel:
Nachdem man [Paulus und Silas] hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.
[Kanzelgebet]
Liebe Gemeinde,
eine unglaubliche Geschichte!
Da stehen die Türen des Gefängnisses offen, aber die Gefangenen machen sich nicht auf und davon!
Man hatte sie in den Kerker geworfen, wie wir hören, und sicher waren sie nicht mit Samthandschuhen angefasst worden.
Aber sie nutzen die Gelegenheit nicht, zu entkommen.
Und retten auch noch ihren Peiniger als sie den Gefängnisaufseher davon abhalten, sich umzubringen.
Warum verhalten sich Menschen so?
Warum kümmern sich Gefangene um die Nöte ihrer Peiniger, die sie in Ketten gelegt und misshandelt haben?
Warum tun sie denen Gutes, die ihnen so viel Leid, Angst, und Schmerzen zufügen?
Warum nutzen sie nicht die Gelegenheit und nehmen an ihren Feinden grausam Rache?
Die Antwort lautet: Weil sie Gottes Macht erfahren haben und ihm mit ganzem Herzen nachfolgen!
Paulus und Silas vertrauen allein auf Gott – deshalb handeln sie so und nicht anders.
Zugegeben: Standard ist das Verhalten von Paulus und Silas gewiss nicht – leider auch nicht unter Christen!
Sie fliehen nicht und retten den Bewacher, weil sie Gott vertrauen.
Sie wissen: Gott kann Menschen befreien – selbst, wenn sie in schwersten Ketten gebunden sind.
Weil sie die befreiende Macht Gottes kennen, darum müssen sie nicht weglaufen.
Ihr Gottvertrauen macht sie gelassen; Paulus und Silas können seelenruhig in ihrer Zelle bleiben.
Diese Erzählung der Apostelgeschichte will uns sagen: So sieht wahres, tiefes Gottvertrauen aus:
Paulus und Silas sind geborgen bei Gott, der überall ist, im Gefängnis und draußen;
überall in den Lebenslagen, die uns den Angstschweiß auf die Stirn treiben;
genauso wie an den Orten, wo wir gern sind und uns glücklich fühlen.
Bewundernswert, wenn Menschen ohne Wenn und Aber solch ein Gottvertrauen besitzen!
Vielleicht können wir selbst es aber so nicht ganz nachvollziehen.
Klar mit dem Mundwerk ist jeder von uns Vorbild im Glauben; wenn wir uns stark und sicher fühlen.
Aber wie ist es in echten Krisenzeiten?
Ich würde sicher mächtig auf den Putz klopfen, wenn ich von mir behauptete, ich sei genauso zuversichtlich , stark und gelassen wie Paulus und Silas damals.
Ich denke, dass ich an deren Stelle die Möglichkeit zur Flucht genutzt hätte, als die Gefängnistüren plötzlich aufgesprungen sind.
Ich muss gestehen, dass mein Glaube oft brüchig ist und wankt; dass ich oft nicht verstehe, was Gottes Plan mit mir und mit dieser Welt ist; dass Zweifel an mir nagt und Hoffnungslosigkeit sich breit machen will.
Woran liegt das?
Ich lese und höre die Geschichte von Paulus und Silas und staune darüber, was möglich wäre.
Liebe Gemeinde,
diese Geschichte von Paulus und Silas im Gefängnis hält mir auch den Spiegel vor.
Sie hat etwas mit unserer Welt, mit unserem, mit meinem Leben zu tun.
Sie lässt mich erkennen, wie beschränkt und angstbesessen mein Blick aufs Leben oft ist, und zeigt mir, was im Glauben möglich wäre.
Wir brauchen doch gar kein Gefängnis aus Steinen und Mauern mit Gardinen aus Eisenstäben.
Trotzdem sind wir oft Gefangene.
Gefangene in Gefängnissen unseres Lebens - im übertragenen Sinn meine ich das.
Ich denke da an so manche Lebenssituation, in der wir von anderen Menschen bedrückt und klein gemacht werden, in der wir nicht so können, wie wir wollen;
In der uns vielleicht schon viel zu lange einer seine Macht spüren lässt und wir gern einmal auf der anderen Seite stehen und den längeren Hebel in die Hand halten wollten!
Was würden wir den tun, wenn die Türen eines solchen „Gefängnisses“ aufgingen?
Wie würden wir uns verhalten: Bleiben oder weglaufen?
Sind wir ehrlich: Wenn es ohne Verluste, ohne Einbußen an Ansehen, Verdienst und Chancen fürs persönliche oder berufliche Weiterkommen abginge, dann, ja dann würden wir uns sicher davonmachen!
Paulus und Silas laufen nicht weg.
Sie bleiben.
Sie vertrauen auf Gott, der sie hier wie da – im Gefängnis oder draußen, in Ketten oder frei – retten kann und retten will.
Könnten wir uns auch auf solches Vertrauen einlassen?
Dass Gott uns hält und trägt, rettet und bewahrt - ganz gleich ob im Kerker oder in Freiheit?
Ich möchte unseren Blick jetzt auch auf die andere Seite lenken: Ich meine damit die Seite des Bleibens.
Bleiben ist anstrengend; leichter ist es vor aus einer unangenehmen Situation zu fliehen.
Wenn Unrecht geschieht und wir dabeistehen und den Mund nicht aufbekommen.
Wir bleiben und fliehen trotzdem – innerlich, wenn wir bei jeder Gelegenheit kleinbeigeben.
Devot uns wegducken und lieber dem Recht geben, der Macht, Geld und Einfluss besitzt, obwohl der gar nicht unsere Meinung vertritt.
Da bleibt bei mir ein schlechtes Gefühl zurück, das schlechte Gewissen, ich habe mich weggeduckt, wo ich hätte aufrecht bleiben müssen.
Ich habe hingeschaut und geschwiegen, obwohl ich hätte reden müssen.
Aus Angst vor Schaden oder einfach aus Bequemlichkeit habe ich gutgeheißen, was meinem Wissen und Gewissen widersprach.
Die richtige Haltung – wenn auch unbequem und scherzhaft – hat viel mit Selbstachtung zu tun und damit, ob wir unser eigenes Bild im Spiegel noch ertragen können.
Die Geschichte von Paulus und Silas im Gefängnis hält uns diesen Spiegel vor.
Und sie macht uns Mut: Es nützt uns, wenn wir aufrichtig bleiben; wenn wir auf Gott vertrauen und auf unser Gewissen hören.
Es nützt uns! Paulus und Silas hat es genützt! Ja, selbst dem Gefängnisaufseher.
Der wird Christ und ihr Freund.
Und auch uns wird es nützen: Vielleicht sieht der Chef ja doch ein, dass er einen Fehler gemacht hat?
Oder dass wir erfahren, wie sich das Klima am Arbeitsplatz zum Guten verändert;
dass in der Familie wieder offen und ohne Hintergedanken miteinander gesprochen wird.
Oft muss es ja wirklich nur einmal ausgesprochen werden, dass Menschen einsehen, was sie da tun.
Und wenn nicht – der Versuch war es allemal wert.
Der Mut zum Bleiben, zum Bestehen, zum offenen Wort wird letztendlich belohnt.
Weil Menschen sich damit verändern können.
Beziehungen miteinander werden so wieder tragfähig, weil man endlich aufhört sich zu belügen und Machtspielchen zu spielen.
Jeder der bleibt und nicht davonläuft, hat etwas davon.
Gott unterstützt uns dabei; er kann Umstände, er kann Menschen, er kann zuallererst uns selbst zum Guten verändern.
Glaube heißt, ihm vertrauen.
Unsere Zweifel und Ängste ihm anvertrauen.
Er kann aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen.
Lassen wir es zu.
Gott sprengt Mauern und Ketten – äußerlich und innerlich und macht uns frei.
Und er macht andere durch uns frei.
Wir haben der Welt, wir haben unseren Mitmenschen etwas zu geben: Liebe und Aufrichtigkeit.
Wir können nur geben, wenn wir bleiben und nicht davonlaufen.
Bleiben an dem Ort, an den Gott uns gestellt oder gesetzt hat.
Er ist dabei.
Er hilft auszuhalten.
Er hilft uns und andere zum Guten zu verändern.
Der Wahrheit, der Gerechtigkeit und dem Frieden unter uns zum Durchbruch zu verhelfen und sie zu erhalten.
In unserer Geschichte von Paulus und Silas drückt sich das so aus: Und der Gefängnisaufseher führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? - Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.
Für uns hier und heute wird es vielleicht so ausgehen:
Wir bleiben, halten Konflikte aus und versuchen sie mit der Liebe und Kraft, die Gott uns schenkt, zu verändern.
Wir erleben, Menschen verändern sich.
Wir und andere können aufatmen.
Aus dem Gegeneinander, wird ein Miteinander.
Wo Miteinander gelebt wird, geht es Menschen besser.
Bleiben oder weglaufen?
Die Frage wird sich uns immer wieder stellen.
Vielleicht hilft uns die Geschichte von Paulus und Silas im Gefängnis dabei, nicht immer gleich wegzulaufen – ich hoffe es!
Gott schenke uns allen immer wieder, die Kraft zum gelassenen Aushalten und er schenke uns die Erinnerung an sein Versprechen: Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.