08.03.2026 - „Früher war alles besser“ – Predigt am Sonntag Oculi zu Lk 9,57-62 (Pfrin. Sr. Elise Stawenow)

„Früher war alles besser?“  - Predigt zu Lk 9,57-62

am Sonntag Oculi, 08.03.2026
Pfrin. Sr. Elise Stawenow , Friedenskirche Zedtwitz und Hospitalkirche Hof

 

Liebe Gemeinde!

„Früher war alles besser!“
Das höre ich oft beim Geburtstagsbesuch.
„Wie ging es Ihnen denn mit der Nähe der Grenze, und dem Kalten Krieg? Hatten Sie da keine Angst?“ frage ich. - „Ach, damit haben wir gelebt. Aber heute krieg ich so richtig Angst, wenn ich die Nachrichten hören.“
„Früher war alles besser?“
Unser Gedächtnis täuscht uns. Es erinnert selektiv. Es kann negative Erfahrungen im Rückblick ausblenden. Zudem schätzt man Situationen anders ein, wenn man ihren Ausgang schon kennt.

„Früher war alles besser?“
Jesus warnt davor, nach hinten zu schauen. Er selbst macht sich fest entschlossen auf den Weg nach vorn.
„Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, da wandte er das Angesicht, entschlossen, nach Jerusalem zu wandern.“ Lk 9,51
Jesus hat sich entschlossen, der Realität ins Gesicht zu schauen. Er sieht Angst, Gefahr und seinen Tod. Er wendet sich nicht zurück. Auf seinen Weg nach Jerusalem nimmt er seine Jünger und viele Menschen am Wegesrand mit.
Was er ihnen unter den Vorzeichen seines kommenden Leidens ans Herz legt, erregt Anstoß.

Hören wir den Predigttext noch einmal, dieses Mal in der Übersetzung der Basisbibel:

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Früher war alles besser! - Nein, die Zukunft wird besser sein, würde Jesus sagen. Sie hat einen Namen. „Das Reich Gottes.“ Dafür geht Jesus nach Jerusalem. Dafür folgen ihm Menschen bis heute nach.
Das Reich Gottes ist eine Vision und eine Utopie. Mit Jesus beginnt es bruchstückhaft. Und am Ende der Zeiten wird es vollendet sein. Wir leben im Dazwischen – oder besser: Auf dem Weg.
An uns ist es – wenn wir diese Vision mit Jesus teilen wollen – das Reich Gottes Gestalt werden zu lassen.
Das Reich Gottes steht für Gerechtigkeit. Für soziale Gerechtigkeit und für Geschlechtergerechtigkeit, das möchte ich am Weltfrauentag betonen. Im Lukasevangelium illustrieren besonders Arme und Frauen diese neue Dimension.
Das Reich Gottes steht für Frieden. Heute, eine gute Woche nachdem ein neuer Krieg eröffnet wurde von einer Großmacht, höre ich das sehr bewusst.

„Das Reich Gottes ist nicht nur eine ausstehende, sondern immer auch eine bereits einstehende Größe“, sagt der Neutestamentler Thomas Söding (in: Gottesreich und Menschenmacht. Politische Ethik des Neuen Testaments, 2024,198).
Das Reich Gottes ist da und wir alle sind gefragt, dafür einzustehen.

Wer Jesus nachfolgt, steht dafür ein. Das hat Konsequenzen. Jesus beschreibt sie in drei markanten Aussagen. Ich möchte sie interpretieren.
Drei Worte Jesu – in drei Punkten:

  1. Nicht Haben, sondern Sein!

Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Jesus ist heimatlos. Geboren im Stall. Früheste Kindheit auf der Flucht, aufgewachsen auf dem Land. als Erwachsener Wanderprediger. Gewaltsamer Tod in der Metropole.
Die Qualität seines Lebens liegt nicht im Haben, sondern im Sein.
Gestern haben einige fleißige Helfer des Kirchenvorstands, die in Pfarramt und Sakristei über die Jahrzehnte angehäuften Materialien gesichtet und entrümpelt. Wir haben tatsächlich nach hinten geschaut. Plakate von den Gemeindefesten in den 2000ern gefunden, schöne Basteleien aus dem Kindergottesdienst. Die Dinge erzählen vom Leben der Gemeinde. Wunderbar. Lebensfreude. Aber sie haben ihre Zeit gehabt. Das Haben ist endlich.
„Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Jesus bindet sich nicht an Dinge. Er bindet sich an Gott. Wir als Gemeinde und Kirche sehen uns nicht gebunden an Gebäude oder materielle Dinge, auch wenn wir sie haben.  Sondern an Gott. Und an sein Reich. Das Reich Gottes findet sich nicht in den Dingen. Es liegt im Sein. Dass wir sind – als Gemeinde, als Menschen auf dem Weg zum Reich Gottes, das ist die Qualität und das Geschenk der Nachfolge.

  1. Weg vom Grabesrand

Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber verkündige das Reich Gottes!

Dieser Befehl Jesu irritiert. Ist nicht gerade der würdevolle Abschied für Juden wie Christinnen maßgeblich? Schließlich heißt das 4. Gebot „du sollst Vater und Mutter ehren.“ Zudem gilt die Bestattung als Werk der Barmherzigkeit.
Jesus provoziert: „Wofür entscheidest du dich – für den Tod oder das Leben?“
Im vergangenen Jahr haben wir meinen Großvater mit Würde und Wertschätzung begraben. Ich hätte es mir nicht anders vorstellen wollen. Er hat bis zu seinem 20. Lebensjahr keine Kirche von innen gesehen. Seine Eltern entschieden: Das letzte Kind lassen wir nicht taufen. Sie hielten sich vom Glauben fern. Der Krieg brachte meinem Großvater die Realität des Todes: Drei seiner Brüder blieben im Krieg. Der Vater wurde von den Russen mitgenommen und starb im Lager. Schließlich war auch seine Mutter fort, über die Grenze nach Westdeutschland, den anderen Söhnen nach. Als junger Mann erlebte mein Großvater eine Bekehrung. Er spürte eindrücklich: In Jesus findet er Rettung vom Tod. Und ein Zuhause inmitten seines Gefühls der Verlassenheit. Er hörte von Gott den Auftrag „Menschen vom Grabesrand zu retten“. Und wurde Pfarrer. Er wünschte sich, dass viele Menschen die Erfahrung der Rettung und Befreiung vom Schmerz des Todes und des Verlassen Seins erleben können.
Jesus kann so ein provozierendes Wort sagen, weil er vorausschaut und sieht: Der Tod hat im Reich Gottes nicht das letzte Wort! Das ist der Kern der Botschaft Jesu.

  1. Schaut nach vorn:

Wer die Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Ein Bauer kann kaum eine gerade Furche ziehen, wenn er nach hinten schaut. Er muss konzentriert nach vorne sehen, damit er hinter sich ein gutes Ergebnis erzielt.
Wer mit seinem Dasein vom Reich Gottes verkünden möchte, ist wie ein Landwirt: Er oder sie tut gute Arbeit, wenn sie im sich nach vorn ausrichtet.
Doch wer von uns möchte einen Abschied missen? Viel mehr machen wir uns Vorwürfe, wenn wir uns nicht verabschiedet und einander gewürdigt haben, und Wege sich plötzlich trennen. Abschiede sind wichtig.
Meinen Weg ins Kloster startete ich mit einer Pilgerwanderung. Vier Wochen lief ich den Ökumenischen Pilgerweg, um Abschied und Übergang zu zelebrieren. Da musste man damals ohne googlemaps noch gut nach vorn auf die Beschilderungen schauen.  Auf dem Weg begegnete mir das Pauluswort „Ich vergesse, was dahinten ist und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist. Ich jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der Berufung in Christus Jesus. (Phil 3,14). Zu meiner Aufnahme im Kloster sagte ich das als Motivationswort. Später telefonierte ich mit meiner Mutter. Sie hatte natürlich Fragen wie das alles ablief. Und sie fragte nach dem Bibelwort. Als ich dieses nannte, war sie geschockt: „Willst du nichts mehr mit uns zu tun haben?“
Mich hat die Radikalität angezogen. Aber kann Jesus wollen, die Freunde und Familie einfach so abzutun?
Nein, denke ich heute. Aber es gibt Prioritäten. Die Last der Bindung und dem Vergangenen nachzutrauern, kann hindern, dass ich nach vorne schaue und mein Leben für das Gute – das Reich Gottes einsetze.

 

Zusammenfassung

 

Schaut nach vorn! – Weg vom Grabesrand! – Denn es geht ums Sein, nicht ums Haben.
Das sind die Aufforderungen, die ich aus den provokanten Jesus-Worten für heute lese.

Man kann Jesus besser verstehen, wenn man ihn einordnet in den Kontext der Krise oder Katastrophe. Wenn nur noch zählt, nach vorne zu schauen und die Flucht anzutreten. Menschen, die flüchten müssten, erleben das. Im Blick auf die mögliche „Endzeit“ hat diese Perspektive den (ersten) Christinnen und Christen Halt und Mut gegeben.

Schluss

Früher war alles besser?
Tatsächlich meint die sogenannte „Weltuntergangsuhr“, die man bei zdf heute abrufen kann, dass die Welt 89 Sekunden vor dem Weltuntergang stehe. Im Vergleich dazu stand die Uhr im Höhepunkt es Kalten Krieges 1961/62 in der Kuba-Krise bei 12 Minuten vor 12. Expertengremien berechnen das. Wesentliche Faktoren sind die Bedrohung durch einen Atomkrieg und der Klimawandel.
Doch – und jetzt möchte ich provokant sein: Sollte es früher wirklich besser gewesen sein: Was geht es mich an?
Damit meine ich nicht, dass die Welt im Hier und Jetzt mir egal sein sollte. Im Gegenteil:  Jesus sagt: Schau nach vorn. Sieh nicht die Bedrohung. Sieh auf mich und das Reich Gottes. Jetzt hast du die Chance mit mir zu beginnen. Mit deinem Leben das Reich Gottes hier und jetzt konkret werden zu lassen.
Konkret heißt: Zu gestalten:

  • Mich für Gerechtigkeit einzusetzen – zum Beispiel indem ich zur Wahl gehe und mit meinem Kreuz für die Werte des Reiches Gottes einstehe. „Unser starkes Kreuz für die Demokratie“ heißt die Kampagne der Landeskirche, die aufruft demokratisch und solidarisch zu wählen.
  • Der Heimatlosigkeit so vieler Menschen ein Willkommen entgegensetze – ganz gleich, ob mein Gegenüber eine Deutsche oder ein Ausländer ist.
  • Mit Menschen am Grabesrand stehe und Perspektive zeige.

Jeder von Ihnen kann seine eigenen Beispiele hinzufügen. Wir als Gemeinde Jesu gestalten Reich Gottes, so wie wir hier sitzen.

Jesus sucht Menschen, die nach vorne schauen. Sehe ich auf die Welt, verstehe ich, dass es ernst ist. Sehe ich auf Jesus, spüre ich, dass da viel Hoffnung ist.
Für die Welt, die wir – und v.a. ihr Jungen (Konfis ?) - gestalten werden.
Über die Welt hinaus – in einem Leben, das Leiden und Tod überwindet. Amen.