18.01.2026 - "Gottes Angesicht" - Predigt zu 2.Mose 33,17-23 am 2. Sonntag nach Epiphanias (Pfarrer Stefan Fischer)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde!

Wie schaust Du aus, Gott?

Ich spür da manchmal eine Sehnsucht in mir, Gott anzusehen.

Ihm beim Beten ins Gesicht zu sehen.

Ich wünsche mir, aus seinen Gesichtszügen ablesen zu können, ob mein Gebet hilfreich war, oder ob ich wieder mal nur an mich gedacht habe.

Wie schaust du aus, Gott?

Vielleicht manchem diese Frage anstößig vor.

Vielleicht denkt ihr:
Wir dürfen uns doch kein Bild von Gott machen.
Das ist eben sein Wille.

 

Und doch es ist eine sehr alte Frage.

Unser heutiger Predigtabschnitt erzählt uns davon.

Wir hören aus dem 2. Buch Mose im Kapitel 33 die Verse 17-23:

Der HERR sprach zu Mose: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“

Und Mose sprach: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Und er sprach weiter: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Und der HERR sprach weiter: „Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“

 

Schon Mose wollte wissen, wie Gott aussieht.

Mose wollte das nicht aus kindlicher Neugier oder Forscherdrang.

Er hatte ein ernstes Anliegen: Sicherheit.

Sicherheit in einer unsicheren und gefährlichen Welt.

Sicherheit für seinen großen Auftrag:

Mose führt sein Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten.

Der Weg ins gelobte Land, wo Milch und Honig fließen, geht zuerst durch die Wüste.

Das Volk wird immer unzufriedener und beginnt zu meutern.

Als sie an Berg Sinai, wird Mose von Gott auf den Gipfel gerufen, wo er die Zehn Gebote erhält.

Mose bleibt sehr lange auf dem Berg: 40 Tage und 40 Nächte (Ex 34,28)!

Und niemand aus dem Volk weiß so recht, warum.

Den Israeliten reicht es, so lange warten zu müssen.

Ihre Geduld ist am Ende.

Auch sie hoffen auf göttlichen Beistand – und versuchen, sich selbst zu helfen: Sie fertigen sich ein goldenes Kalb.

Sie machen sich einen sichtbaren Gott, den sie sehen und anfassen können.
Und so beten sie totes Material an und nicht den lebendigen Gott.

Als Mose vom Berg herabkommt und alles sieht, wird er zornig und zerschlägt die zwei Steintafeln mit den Zehn Geboten.

Und auch Gott ist zornig und will sein Volk vernichten.

Aber da besinnt sich Mose und legt erfolgreich Fürsprache ein, sodass Gott sich umstimmen lässt.
Das Volk Israel bekommt eine neue Chance und der Bund zwischen Gott und seinem Volk wird geschlossen.

 

Das alles hat Mose sehr beschäftigt.

Er hat Zweifel und betet lange mit Gott.

Mose möchte verhindern, dass das nochmals passiert:

Menschen vertrauen vor allem auf das, was sie sehen können, auf das, was sie mit Händen greifen können, auf das, was sie mit dem Verstand begreifen können.

Deshalb will Mose eigentlich nur eines wissen:

Wie siehst du aus Gott?

Gib mir Sicherheit.

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen", bittet er Gott.

Wenigstens einmal, nur einen Augenblick lang!

 

Wenn wir uns auf der Straße begegnen, dann können wir uns einander viel aus dem Gesicht lesen.

Ob du traurig bist, oder fröhlich, ob dich etwas ärgert, ob du nervös bist, oder entspannt, kann ich von deinen Gesichtszügen ablesen.

Das Gesicht ist der Spiegel der Seele – so heißt es.

Mein Gesicht verrät dir, wie es mir geht, und wenn du oft und lange genug hineinschaust, auch, wer ich bin.

 

Ich kann Mose verstehen, denn ich spüre die Unsicherheit auch in mir:

Wie siehst du aus, Gott?
Wer bist du wirklich?

Könnte ich in Dein Gesicht sehen, dann wüsste ich genauer, was du zur Weltlage sagst: zu den hungernden Menschen, zu den leidenden Menschen im Kriegswinter, zu den Allmachtsphantasien der Mächtigen, zu den schlimmsten Gewalttaten, die Menschen einander antun, zu den Sterbenden, zu den Trauernden, zu den Verzweifelten.

 

Gott sagt auf Moses Bitte:

Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

Gott sehen und sterben!

Der Preis ist hoch.

Gott scheint Moses zu verstehen und kommt ihm ein Stück entgegen:
Ins Gesicht blicken – das wirst du nicht überleben; doch hinterherschauen, wenn ich an dir vorübergehe, das geht.

Und Gott stellt den Mose in eine schützende Felsspalte.

 

Selbst ein Mensch wie Mose kann Gottes Angesicht nicht aushalten.
Wie sollte ich es dann können?

Kein Mensch kann Gott fassen – dazu sind wir zu klein;
Mose hat das eingesehen und auch verstehe das.

Mein Wunsch ist zu groß – dafür will mich Gott schützen.
Gott will mich vor mir selbst schützen.

 

Ich kann mir das gut mit der Sonne erklären.

Mit dem Angesicht Gottes und seiner Herrlichkeit ist es wie mit der Sonne.

Wenn ich mit dem bloßen Auge in die Sonne schaue, wird das meine Augen dauerhaft schädigen: Ich könnte sogar erblinden.

Doch wir müssen ja gar nicht in die Sonne schauen, um zu sehen, ob sie da ist oder nicht.

Ich weiß, dass sie da ist, wenn ich das helle Land sehe, die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen, das Funkeln des Sonnenlichts in einem Bach, an der Wärme, die mich umstrahlt.

Deshalb weiß ich, dass sie da ist.

 

Gott ist da, auch wenn ich ihn nicht sehe.

Seine Herrlichkeit leuchtet, auch wenn ich ihm nicht ins Angesicht schauen darf.

Noch einmal: Gott lehnt Moses Bitte ab, weil er ihn und uns schützen will.

Gott setzt unserer Neugier Grenzen.

Er will nicht, dass wir zu Schaden kommen.

Doch wir sollen sein Licht sehen und spüren.

So wie wir auch das Licht der Sonne sehen und spüren.

Ja, Gott will uns teilhaben lassen an seiner Herrlichkeit – und zwar so, dass wir nicht Schaden erleiden.

Wir sollen uns vielmehr freuen an seinem Licht und an seiner Wärme.

 

Gott hat einen Weg gewählt, uns seine Herrlichkeit zu zeigen, ohne dass wir erblinden oder sterben müssten.

Gott hat den schonendsten und besten Weg gewählt, ihn zu verstehen; wer er ist.

Gott ist Mensch geworden.

 

Jesus Christus hat uns Menschen die Herrlichkeit Gottes gezeigt.

Allein durch ihn wissen wir etwas von Gottes Angesicht und von seinem gütigen und liebevollen Wesen.

Wenn wir Jesus Christus anschauen, dann sehen wir Gott.

 

Jesus Christus bringt uns das Licht und die Wärme Gottes.

Mehr braucht es nicht, um zu wissen wer Gott ist!

Wer mehr will, wer meint, das menschliche Gesicht Gottes in Jesus Christus sei zu wenig;
wer Gott ungefiltert ins Gesicht schauen will, wer Gott durch immer größere und spektakulärere Erfahrungen seines Geistes ergründen will – der steht in Gefahr, sein Leben zu verlieren.

Wer sind denn wir Menschen schon, dass wir uns anmaßen, Gott ebenbürtig zu sein?

Dass wir uns anmaßen, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten?

 

Gott kommt uns entgegen.

Er nimmt die Gestalt an, die wir vertragen können.

Und er hält dabei nichts zurück.

In Jesus tritt Gott uns gegenüber, und zeigt uns seine Herrlichkeit.

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

 

In all den Taten und Worten Jesu können wir das Licht Gottes in dieser Welt spüren – Licht und Wärme hat er uns gebracht.

Jesus bringt uns Gottes Licht, Strahl für Strahl, Augenblick für Augenblick.

In seinen wunderbaren Taten, wie das vorhin gehörte Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana.

Und natürlich ganz besonders sichtbar im Licht des Ostermorgens.

Im Licht des Auferstandenen, das uns zeigt:
Gottes Herrlichkeit hat kein Ende.
Sein Licht strahlt ewiglich.

Tod und Finsternis sind überwunden.

 

Gottes Herrlichkeit blitzt auch unter uns auf, die wir Jesus nachfolgen.

Wie sich in einem Tautropfen das Sonnenlicht bricht und funkelt, so kann auch an jedem von uns die Herrlichkeit Gottes sichtbar werden.

Wenn wir uns in das Licht Jesu stellen, dann fangen auch wir an zu glänzen und zu funkeln.

Dann wird durch uns die Welt um uns herum heller und wärmer.

 

Ein Mensch, der trauert, spürt durch meinen Beistand den Trost und die Hoffnung des Auferstandenen.

Ein Kind, das sich im Dunkeln fürchtet, und von Mutter oder Vater in den Arm genommen und beruhigt wird, spürt dadurch die Liebe Gottes.

Ich denke da auch an eine Reportage über missbrauchte Kinder, die man befreit und in Pflegefamilien untergebracht hat.

Wie ihnen dort wieder behutsam, Schritt für Schritt vorgelebt wird, was Vertrauen und Geborgenheit bedeuten.

Oder ich denke an den sterbenden Menschen.

Am Bettrand sitzt die Tochter oder der Sohn und streichelt seine Hand.

Eine Geste wie ein Sonnenstrahl.

Oder die Fürbitte füreinander; das geistliche Netzwerk, das uns in Gott und durch Gott miteinander verbindet und stärkt.

Unzählige weitere Beispiele ließen sich finden.

Beispiele, die uns zeigen, wie herrlich Gott ist und durch uns handelt – ohne dass wir ihm ins Gesicht schauen müssen.

Gottes Herrlichkeit begegnet uns in so vielen kleinen oft unscheinbaren Liebesblitzen.

Doch es sind gerade diese Liebesblitze, die uns so guttun, die uns verändern und wissen lassen:

Du bist bei mir, Gott, in deinem Licht und in deiner Wärme bin ich geborgen.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus!
Amen.