"Nur
Musik –
das Paradies auf Erden"
Das Interview führte Michael Thumser. Erschienen in der
Frankenpost/Schauplatz Kultur, Ausgabe
Hof, 17. Februar 2001.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der
Frankenpost.
Nur etwa 35 „A-Stellen“ –
Kantorenposten sozusagen ersten Ranges – gibt es in Bayern. Eine
davon, hat ihren Sitz in Hof: das Amt des Stadt- und
Dekanatskantors. Als sie im vergangenen Jahr frei wurde, bemühten
sich 31 Bewerber um sie; nur vier wurden eingeladen, nur drei
stellten sich vor. Den Sieg trug der 29-jährige
Georg Stanek davon.
Wir sprachen mit ihm.
Ein knapp dreißigjähriger Berufsanfänger – und
gleich auf so illustrer Stelle: Gibt’s solche Fälle oft?
Stanek:
Selbstverständlich ist das nicht. Mir wäre eine B-Stelle in Neustadt
an der Saale offen gestanden, hätte ich in Hof kein Glück
gehabt. Als dann wirklich der Anruf vom Dekan kam, war ich von allen
Socken.
Waren Sie ein Wunderkind?
Stanek:
Nein. In unserer Familie wurde Hausmusik sehr gepflegt. Meine Mutter
spielt Geige – und auch ich begann mit der Violine. Mit zehn Jahren
nahm ich Klavierunterricht. Von der Oma erbte ich, als ich zwölf
war, ein Cello. Das Orgelspielen lernte ich vom sechzehnten
Lebensjahr an. Ein Musikenthusiast – das bin ich von Kind auf
gewesen. Jetzt ist mein Hobby mein Beruf.
Wie wurden Sie, was Sie sind?
Stanek: Zur
Welt kam ich 1971 in Mellrichstadt; aufgewachsen bin ich in Ostheim
vor der Rhön. An der Kirchenmusikschule in Bayreuth bereitete ich
mich auf die C-Prüfung vor – nichts als Musik: Das war das Paradies
auf Erden. 1996 machte ich hier die B-Prüfung – und im Jahr darauf
das Klavierdiplom; das bedeutete sechs bis acht Stunden Üben am Tag.
Dann wechselte ich für zwei Jahre nach Lübeck, wo ich im Sommer 1999
mit der A-Prüfung abschloss. In Rothenburg ob der Tauber, als
Praktikant und Assistent, lernte ich anschließend über ein Jahr lang
die Praxis kennen.
Jetzt, in Hof, folgen Sie einem
verdienstvollen Vorgänger, der die Stelle 31 Jahre lang innehatte.
Schüchtert Sie das ein?
Stanek: Ein
bisschen schon. Reinhard Wachinger galt in der ganzen Region
geradezu als Institution. Sein Wirken hat überall unübersehbare
Früchte und Spuren hinterlassen.
Was erwartet Sie in Hof? Was erwarten Sie von
Hof?
Stanek:
Orgeldienst, Posaunenchor – und natürlich die St. Michaeliskantorei.
Als funktionstüchtigen Chor hab ich sie schon kennen gelernt; aber
ihre Altersstruktur ist keineswegs optimal.
Nun werden Sie, als neuer Besen, gut kehren
wollen. Eine Verjüngungskur – auch hier?
Stanek:
Mitglieder aussieben, Altersgrenzen festsetzen – an derlei denke ich
nicht. Aber unzweifelhaft ist es an der Zeit, dass der Chor offensiv
um neue, vor allem junge Sänger wirbt. Die sollten sich in Hof,
einer Schul- und Fachhochschulstadt immerhin, und seinem Umland wohl
finden lassen. Ein noch junger Chorleiter kann da ein Anreiz sein.
Im Posaunenchor finden sich alle Altersgruppen – der ist auf einem
grünen Zweig.
Brauchen Sie für jüngere Leute nicht auch ein
jüngeres Repertoire? Dem Publikum stellen Sie sich am Karfreitag
allerdings mit Bachs Johannespassion vor, die erst vor einem Jahr
auf dem Programm der Kantorei stand.
Stanek: Das
war, wegen der Kürze der Probenzeit, kaum anders zu machen. Im
Advent wird’s auch das Weihnachtsoratorium geben. An Bach führt kein
Weg vorbei. Aber neue Akzente will ich schon setzen – und überhaupt
das Repertoire gründlich erweitern: nicht nur die großen Schinken,
sondern auch kleinere und größere Sachen aus dem 20. Jahrhundert;
nicht nur die gewichtige Chorsymphonik, auch den A-cappella-Gesang –
das Singen ohne Instrumentalbegleitung ist überhaupt unerlässlich
für einen kultivierten Klang und mehr Vielseitigkeit.
Dürfen wir mit echten Staneks rechnen –
komponieren Sie?
Stanek:
Lieber improvisiere ich an der Orgel: Stimmungen aus Bildern und
Texten probiere ich gern unmittelbar auf den Tasten aus. Das
Stegreifspiel gehört zu den ganz alten Organistentugenden.
Ihre Lieblingskomponisten?
Stanek: Ich
komme von der Alten Musik her – in einem Spielkreis hab ich mich als
Jugendlicher von der Altblockflöte bis zum Großbasskrummhorn
hochgedient –: Bach, überhaupt der Barock, steht also obenan.
Aber auch die romantische Orgelmusik, namentlich die Max Regers,
schätze ich und kann überdies der frühen deutschen Moderne, einem
Hugo Distler etwa, viel abgewinnen.
Mit der Michaelisorgel steht ihnen ein
gewaltiges Instrument zur Verfügung.
Stanek: Die
Heidenreichorgel mit ihrer imponierenden Vielstimmigkeit konnte ich
im vergangenen August erstmals richtig ausprobieren – sie scheint
mir ideal für Musik der deutschen Romantik. Nicht wegleugnen lassen
sich freilich ein paar technische Schwächen und
Verschleißerscheinungen, die wir beheben müssen. Für ein so ein
differenzierungsfähiges Instrument erträume ich mir eine
Setzer-Anlage, also einen programmierbaren Registriercomputer, mit
dessen Hilfe sich die Klangvielfalt etwa eines Reger oder Olivier
Messiaen prächtig entfalten ließe. Finanzieren könnte man die Anlage
womöglich über eine CD. In meiner Heimat Ostheim hatte ich Erfolg
mit einem ähnlichen Plattenprojekt; da ging es um die Renovierung
des Kirchendachs.
Nun allerdings erfreuen sich die Hofer
Orgelkonzerte eines nicht eben regen Besuchs.
Stanek:
Dagegen kann man etwas tun: durch neue Inhalte – so plane ich etwa
ein Konzert unter dem Leitmotiv „Die Orgel tanzt“; ebenso durch
andere Aufführungsformen wie Gesprächskonzerte; nicht zuletzt durch
einen anderen Platz fürs Publikum: Statt unten im Schiff zu sitzen,
sollten die Zuhörer besser zum Interpreten auf die Orgelempore
kommen.
Wie sesshaft will ein noch junger Künstler wie
Sie werden? Streben Sie von Hof bald wieder fort?
Stanek: Eine
A-Stelle wie die hiesige: Das erscheint für mich in nächster Zeit
kaum steigerungsfähig. Verkriechen werde ich mich hier nicht:
Gastierend bin ich schon jetzt viel und weiträumig unterwegs,
solistisch oder mit einem Partner bei vierhändigen Orgelkonzerten.
Bei der Expo in Hannover spielte ich an der Südostecke des deutschen
Pavillons auf einer Lkw-Orgel – die war auf der Ladefläche eines
7,5-Tonners aufgebaut. Für eine dauerhafte Veränderung muss ich
Aussicht haben auf Verbesserung. Hof jetzt – das ist schon Gold für
mich.
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