Predigt     Römer  9,14-24    Septuagesimä (70 Tage vor Ostern)    27.01.02

"Das Urteil Gott überlassen"
(von Pfr. Arne Langbein)

Liebe Leser,

erstens: Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald,
es war so finster und auch so bitter kalt.
Sie kamen an ein Häuschen von Pfefferkuchen fein –
Wer mag der Herr wohl von diesem Häuschen sein?
Rasch wird genascht von diesen Pfefferkuchen, man hat ja Hunger.
Der Herr aber, so stellt sich raus, ist eine böse Hexe, die den Hänsel einsperrt, um ihn zu mästen und Gretel Haushaltsdinge tätigen lässt.
Solange, bis der Hänsel fett genug ist, ihn zu schlachten. Und das tut die Hexe dann auch und frisst ihn auf. Die Gretel, wenn sie nicht gestorben ist, räumt heute noch im Haus der Hexe auf. Die Moral von der Geschicht´:

Kommt davon, wenn man an fremden Häuschen nascht!

Zweitens: Rotkäppchen geht zur Großmutter, diese zu besuchen, mit frischem Kuchen und gutem Wein beladen.
Die Großmutter wird derweil vom Wolf gefressen, der Wolf frisst dann, als Großmutter verkleidet, das Rotkäppchen. Der tapfere Förster wird ebenfalls verspeist, als er in Omas Schlafzimmer nach dem rechten sieht. Der Wolf bekommt Bauchweh und zieht sich in den Wald zurück. Die Moral von der Geschicht´:

Kommt davon, wenn man nicht untersucht, wer da im Bett liegt, beziehungsweise, wenn man unangemeldet in Schlafzimmern alleinstehender Rentnerinnen auftaucht.

Drittens: Mose führt sein versklavtes Volk aus Ägypten in das gelobte Land, in die Freiheit. Allerdings nur beinahe. Als sie vor dem Schilfmeer stehen, versagt der Zauberstab und das Volk Israel wird von den Truppen des Pharao restlos aufgerieben. Die Moral von der Geschicht´:

Kommt davon, wenn man meint, seine sozialen Verhältnisse verändern zu müssen und glaubt, ein Gott unterstütze diese Angelegenheit.

Merkwürdige Geschichten, nicht wahr? Lohnt sich überhaupt nicht, diese weiter zu erzählen. Zumindest, wenn sie so erzählt werden, wie hier. Denn sie haben einen Mangel. Sie gehen nicht gut aus. Das Märchen von Hänsel und Gretel ist nur dann interessant, wenn die böse Hexe in den Ofen gestoßen wird und die Kinder heil nach Hause kommen. An Rotkäppchen würde man keine Freude finden, wenn es nicht letztendlich dem bösen Wolf an den Kragen, beziehungsweise an den Magen gehen würde. Das ist die Funktion von Märchen. Ohne das Schema Schwarz und Weiß, Gut und Böse, wären diese Erzählungen sinnlos. Keiner würde sie aufheben für die Nachwelt.

Oder glauben Sie, die Bücher über Harry Potter wären ein Erfolg geworden, wenn der Bube im zweiten Band im Kampf gegen „Du weißt schon wer“ draufgegangen wäre? Oder ein Mensch würde sich drei Stunden ins Kino setzen, um „Der Herr der Ringe“  zu betrachten, wenn nicht sicher wäre, dass alles in allem, die story gut ausgeht? Natürlich nicht. Wobei das nun nicht heißen soll, dass tragische Geschichten nicht auch bewegen könnten. Aber im Genre Märchen hat es so zu funktionieren.

Kommen wir nun zu den biblischen Geschichten. Auch diese gehen, bei allen Katastrophen, die berichtet werden, gut aus. Die Geschichte von der Befreiung Israels, wie ich sie oben böswillig verfremdet habe, könnte so gar nicht sein. Das liegt nun daran, dass es sich hier nicht um Märchen handelt, sondern um die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die zwar auch immer wieder undurchsichtig ist, aber im Endeffekt immer eine Geschichte des Heils und zum Guten hin. Mit einem dieser undurchsichtigen Momente beschäftigt sich unser Predigttext. Paulus muss Stellung nehmen zu einer Tatsache, die in früher Kirche zu allerlei Fragen Anlass gibt:

Jesus von Nazaret war Jude und predigte seinem Volk. Seine Anhänger verkündigten ihn als den verheißenen Messias. Nur – das eigene Volk konnte und wollte das nicht recht glauben. Interessanterweise aber ausgerechnet die sogenannten Heiden, die doch eigentlich mit Israel oder Synagoge wenig zu tun hatten oder nur am Rande. Das sorgte schon immer für Zank und Streit. Zunächst bekamen die ersten Christen Ärger mit dem Judentum. Paulus weiß davon zu berichten.

Mit der Zeit aber werden die neu hinzugewonnenen Gläubigen, besonders die in Rom, überheblich. Sie sagen: Gott hat seinen Bund mit Israel aufgekündigt. Wir sind das neue Volk, wir haben den Bund. Wir sind was besseres und haben den Segen Gottes! Wir allein! Paulus selber wurmt diese Tatsache. Auch wenn er mächtig stolz ist, alle möglichen Gemeinden unter den Heiden gegründet zu haben, schmerzt es ihn, dass seine eigenen Volks-Genossen vom Evangelium nichts wissen wollen.

Soll also die Geschichte Gottes mit Israel so bitter ausgegangen sein, wie die oben verfremdeten Märchen?

Nein, sagt Paulus. Als Schriftgelehrter kennt er den Weg Gottes mit seinem Volk. Und der hatte schon oft einige Umwege auf der Strecke bis zum Ziel. Er glaubt fest daran:  Gott hat den Bund mit Israel nicht aufgekündigt; nur will er eben jetzt die Menschen aus allerlei Völkern in Jesus Christus sammeln. Und wenn das Gottes Wille ist, hat ihm da niemand drein zu reden. So schreibt er an die Naseweise: Wer bist du, Mensch, dass du einen besseren Heilsfahrplan kennen willst, als Gott selber?

Wer bist du, dass du dich für etwas besseres hältst? Vergiss nicht, du bist Gottes Geschöpf, so wie die anderen auch. Und manche nehmen das neue Angebot Gottes, mit ihm zu leben, an, andere nicht. So what! Das klingt für unsere Ohren merkwürdig, ja paradox. Haben wir nicht immer gelernt, wir müssten uns für Jesus entscheiden? Dann ginge das ja gar nicht, wenn wir quasi wie Marionetten von Gott programmiert wären, wie wir handeln.

Die Frage, nebenbei, ist nicht neu, und seit Ewigkeiten ein Thema der Synagoge und der Kirche, das nicht zuletzt in der Reformation eine tragende Rolle gespielt hat. Aber wir dürfen Paulus hier nicht überstrapazieren und in diesem kurzen Text eine Lösung aller Fragen suchen. Er versucht das Problem so zu erklären:

So wie Gott in der Vergangenheit Menschen „verstockt“ hat, um seinen Willen kundzutun, so tut er es anscheinend jetzt mit Israel, damit viele andere auch zum Glauben kommen. Das Bild vom Keramiker will dies verdeutlichen. Auch der hat die Macht, aus einem Klumpen Ton verschiedene Dinge zu bereiten. Nur- die Entscheidung und Beurteilung liegt beim Handwerker. Die Christen jetzt sollen sich freuen, dass sie zum Glauben gekommen sind (denn das ist ein Geschenk Gottes)! Aber sie sollen nicht anfangen, über andere zu urteilen, inwiefern diese mit Gott nichts mehr zu tun haben.

Und so, hofft Paulus, der gelehrte Pharisäer, wird auch diese Geschichte gut ausgehen. „Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ wird er von Gott sagen, zwei Kapitel weiter. Das mag manchem Skeptiker nicht genügen: zeugt aber von einem tiefen Glauben und Vertrauen in das gute Ende.

Hänsel und Gretel kommen gut nach Hause, Rotkäppchen auch. Die Geschichte der Kirche zeigt leider, dass die von Paulus offengelassene Spannung Juden-Christen von angeblich christlichen  Menschen grausam aufgelöst wurde. Hier müssen wir neu hoffen, dass Gott uns nun  zu guten Gefäßen macht, denn allzu zornige hat es gegeben. Die Moral von der Geschicht´? Leben wir dankbar in unserem Glauben, auch deutlich in der Auseinandersetzung untereinander und mit anderen – aber vergessen wir nicht: wir sind zwar keine Marionetten – aber das Urteil über einen Menschen steht nur Gott alleine zu. Das muss weiter erzählt werden.

Die Einteilung in schwarz und weiß, gut und böse, die im Märchen psychologisch notwendig ist, kann bei uns nicht gelten. Gerade dann nicht, wenn wir gemeinsam um den Tisch unseres Herrn versammelt sind, an dem einst auch der Verräter Judas Platz hatte. Oder, wenn wir ummodeln, was uns das Evangelium für heute sagt: Vielleicht stehen hier manche schon sehr lange, manche erst seit kurzem; vielleicht zweifeln manche an dem Sinn, andere glauben fest an ihren „Lohn“ in Brot und Kelch. Wollen wir urteilen, wer hier richtig feiert und wer nicht? Wem Christus besonders nahe ist?

Ich glaube, das kann nicht sein. Und das ist, wieder einmal, gut.

Pfarrer Arne Langbein

Text: 

(14)Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!
(15)Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.«
(16)So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. (17)Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.«
(18)So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.
(19)Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen?
(20)Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so?
(21)Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?
(22)Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren,
(23)damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.
(24)Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.


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