| Liebe Leser,
"in einem Hafen an einer westlichen Küste
Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst.
Ein schick angezogener Tourist legt soeben einen neuen Film in seinen
teueren Fotoapparat um das idyllische Bild zu fotografieren. Klick und
nochmals Klick. Der Fischer schlägt die Augen auf.
Schon hält ihm der Tourist eine Schachtel Zigaretten hin. Schon flammt das
Feuerzeug auf. Beide sind ein wenig verlegen. Das Wetter ist günstig, sagt
der Tourist, sie werden heute einen guten Fang machen. Der Fischer
schüttelt den Kopf. Heißt das, sie fahren heute nicht hinaus. Der Fischer
nickt. Ich war heute morgen schon draußen. Und - war der Fang gut. Das
kann man wohl sagen, beruhigend klopft der Fischer dem Fremden auf die
Schulter. Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug!
Der Tourist ist alles andere als beruhigt. Er legt seine Kamera beiseite
und setzt sich auf den Bootsrand. Ich will mich ja nicht in ihre
persönlichen Angelegenheiten mischen, aber stellen sie sich vor, sie
fahren heute ein zweites und drittes Mal hinaus. Was sie da fangen
könnten. Der Fischer nickt. Und wenn sie das dann jeden Tag machen, fährt
der Fremde begeistert fort, könnten sie sich in einem Jahr einen Motor
kaufen, in zwei Jahren ein zweites Boot und in drei oder vier Jahren
hätten sie einen kleinen Kutter. Was sie dann fangen würden! Fast
verschlägt es dem Fremden vor Begeisterung die Sprache. Und eines Tages
würden sie zwei Kutter haben. Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen und
eine Räucherei. Später eine Marinadenfabrik. Mit einem Hubschrauber
könnten sie die Fischschwärme ausmachen und ihren Kuttern Anweisung geben.
Sie könnten ein Fischrestaurant eröffnen und den Hummer ohne
Zwischenhändler nach Paris exportieren. Und dann....
Jetzt verschlägt es dem Fremden wirklich vor Begeisterung die Sprache. Der
Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt
hat. Dann sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, dann könnten sie
beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen und auf das herrliche
Meer hinausblicken.
Aber das tu’ ich ja jetzt schon, sagt der Fischer, nur das Klicken ihrer
Kamera hat mich dabei gestört. Nachdenklich stand der Tourist auf und ging
davon. Aber jetzt war keine Spur von Mitleid für den armen Fischer mehr in
ihm, nur ein wenig Neid." (nach Heinrich Böll, "Anekdote
zur Senkung der Arbeitsmoral", zitiert aus: "Die Hundesöhne und andere
Geschichten" GTB107, S. 106f.)
Ich glaube, wir alle können es dem Touristen nachfühlen, besonders wenn
der Urlaub hinter uns liegt und der Alltag uns wiederhat. Wer wirklich
einmal ausgesorgt haben will, muss sich ranhalten, mindestens 8 Stunden
jeden Tag, 40 Jahre lang. Leben von der Hand in den Mund? Schön wär‘s.
Hören wir unseren heutigen Predigttext dazu. Er steht in der Bergpredigt
Jesu, Matthäus 6, vom 25. Vers an:
(Text)
Liebe Gemeinde, diese Worte Jesu scheinen wie die Geschichte vom Fischer
nicht mehr zu sein, als ein Traum aus einer anderen Welt. Wir können nicht
leben, wie der Fischer und auch nicht wie die Vögel und Pflanzen.
Ich denke, das hätte Jesus auch nicht bestritten. Sich um gar nichts
sorgen, dass liegt außerhalb unserer menschlichen Möglichkeiten. Und
deshalb greifen die Worte Jesu über den Horizont unserer Welt hinaus und
bringen das Reich Gottes ins Spiel. Jesus stellt uns und unseren Sorgen
den Gott vor Augen, der sich nicht nur um Vögel und Pflanzen, sondern auch
um uns Sorgen macht.
Der Vergleich, den Jesus zwischen den Lilien und uns zieht trifft an einem
entscheidenden Punkt zu. Wie diese Kreatur können und sollen auch wir uns
die Fürsorge Gottes gefallen lassen.
Das ist nicht selbstverständlich. Denken wir an den Fischer. Vielleicht
braucht er nicht mehr um gut zu leben. Aber dem Touristen ist das zu
wenig. Eine Fischindustrie und ein paar Millionen im Rücken, das ist eine
todsichere Sache. Dann sind alle Lebensrisiken ausgeschaltet. Das wäre
eine Lebensversicherung mit der man getrost aufs schöne Meer hinausblicken
könnte. Dann hätte der Fischer keine Fürsorge mehr nötig.
Ist das nicht unsere Philosophie? Streben wir nicht im Großen und Kleinen
nach Sicherheit, die Fürsorge überflüssig macht. Menschen die von Fürsorge
leben müssen, genießen unser Ansehen nicht. Sie fallen zur Last. Deshalb
streben wir nach materieller und seelischer Selbstsicherheit, die den
Nachbarn, den anderen Menschen, die Gesellschaft nicht braucht. Und den
lieben Gott schon gar nicht. Wir wollen für uns selbst sorgen und unser
Leben selbst in der Hand behalten.
Jesus hält das für eine gefährliche Illusion. Wer kann seinem Leben schon
eine Spanne zusetzen. Die beste Politik, das beste Wirtschaftswachstum,
das dickste Sparbuch, die gesündeste Ernährung, kann nichts garantieren.
Ja, wir wissen heute besser als je zuvor, dass die vermeintliche Sicherung
unseres Wohlstandes, die Erde an einen gefährlichen Abgrund bringt. 12
Tonnen CO2 setzt jeder von uns pro Jahr frei, damit das Auto und die
Heizung und die Wirtschaft brummt. Ein Chinese erzeugt 2 Tonnen und ein
Inder 1 Tonne. Stellt euch vor, alle Chinesen und Inder wollten so fahren,
erzeugen und konsumieren wie wir.
So muss durch unsere Sorge um den Wohlstand auf Dauer nicht das Gefühl der
Sicherheit wachsen, sondern die Angst. Das ist der Preis dieser Sorge, die
unserem Leben doch nichts zusetzen, wohl aber abschneiden kann. Sorge, die
im Materiellen fixiert ist und so blind wird für die wahren Güter des
Lebens, die mit Geld nicht zu kaufen sind. Ihr Kleingläubigen, Euer
himmlischer Vater weiß ja, was ihr zum Leben braucht.
Jesu Botschaft von der Fürsorge Gottes wirbt also um Vertrauen gerade
mitten in unseren Existenz- und Lebensängsten. Trachtet zuerst nach dem
Himmelreich heißt, lasst euch zuerst und über all eueren Sorgen, die
Fürsorge Gottes gefallen.
Ich denke jeder von uns hat schon einmal eine solche Erfahrung gemacht:
Schlaflose Nächte, kreisende Gedanken, es geht nicht mehr weiter, stell
dir vor, ich habe sogar heimlich gebetet, nach all den Jahren. Und dann
klärt sich alles, fast wie von selbst, wer hätte das gedacht und man
schaut gelassen zurück. Zufall, sagen wir dann, nichts als Zufall.
Richtig gesprochen und mit Jesus eigenen Worten: Lasst euch die Fürsorge
Gottes gefallen, so wird euch dieses alles zufallen. Gottes Fürsorge lässt
euch zufallen, was euere Sorge eh nicht erreicht und gar nicht in euerer
Macht steht. Damit wir nicht erst leben, wenn ... Wenn das Haus gebaut ist
und die Fischfabrik, wenn der Kredit abgezahlt ist und dieses und jenes
Problem gelöst ist. Es könnte wohl sein, dass dann auf ein gelöstes
Problem zwei neue kommen.
Wie der Fischer dürfen wir sagen: Das tun wir ja jetzt schon. Schon jetzt
liegt unser Leben in der fürsorgenden Hand Gottes. Aus diesem Glauben
dürfen wir jetzt schon leben, ohne diese Angst.
Diese lähmende Angst, die in die nahe und ferne Zukunft starrt und unfähig
macht, zu tun, was heute getan werden muss. Jeder Tag hat seine eigene
Plage, sagt Jesus ganz realistisch. Und die nimmt uns die Fürsorge Gottes
nicht ab. Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich
heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen, soll Luther einmal gesagt haben.
Das ist Vertrauen in die Fürsorge Gottes.
Vertrauen, das sich durch Zukunftsängste nicht blenden und lähmen lässt,
auch nicht durch die, die seit einiger Zeit unsere Kirche befallen haben.
Vertrauen in die Fürsorge Gottes wirbt um unsere Fürsorge für unsere Welt
und ihre Lebensgrundlagen. Das steht heute an. Was morgen sein wird,
wissen wir nicht. Nur soviel: Er, Gott, wird für uns sorgen.
Pfarrer Johannes Taig (Hospitalkirche
Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter
www.kanzelgruss.de ) |
Text:
6,25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und
trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist
nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
6,26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie
doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
6,27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen
könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
6,28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem
Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
6,29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht
gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
6,30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht
und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für
euch tun, ihr Kleingläubigen?
6,31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was
werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
6,32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß,
dass ihr all dessen bedürft.
6,33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.
6,34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine
sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
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