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Liebe Leser,
Die Verkäuferin im Schreibwarenladen kopiert für mich
Manuskripte. Sie interessiert sich für den Inhalt, denn das Bild
irgendwo in der Mitte gefällt ihr so gut. So erzähle ich ihr in knappen
Worten von dem "Scherflein der Witwe" im Markusevangelium. Sie hört zu.
Sie ist ganz still, auch, als ich längst aufgehört habe, zu sprechen.
Nach einer Weile seufzt sie tief und sagt: "Wissen Sie, das erinnert
mich an die Zeit, als ich gerade geschieden war. Meine Arbeitsstelle war
ich damit auch los, denn ich war vorher bei meinem geschiedenen Mann
angestellt. Und das ging dann nicht mehr. Er hat mich entlassen. Ich
hatte wirklich nichts mehr außer hundert Mark im Geldbeutel. Keine
Ahnung, wie das alles weitergehen sollte. Da bin ich losgegangen und
habe mir für diese hundert Mark einen Hut gekauft, den ich mir schon
ganz lange gewünscht hatte. Sie sehen, ich lebe noch. Und den Hut habe
ich auch noch.
Sollen wir verarmen?
Sollen wir verarmen? Ist das der Wunsch Jesu? Alles aufgeben und alles
hergeben für die Kirche, für den Glauben, für die Armen? Für manche ist
das ihre Berufung. Alles zu geben für den anderen. Durchaus. So wie die
Jünger ihre Netze liegen ließen und Jesus nachgefolgt sind. Aber diese
Berufung gilt nicht für alle. Und dennoch ist die Erzählung für unsere
Ohren bestimmt und eine arme, bis dahin unbedeutende Witwe wird uns
durch die Jahrhunderte hindurch als Vorbild vor Augen geführt. Will
Jesus, dass wir verarmen?
Ich glaube nicht; zumindest nicht in dieser vordergründigen Weise, wie
es die meisten verstehen. Ich habe noch die Worte einer Schülerin vom
vergangenen Donnerstag im Ohr, wie sie sagte: Mich regt das auf – wir
hatten die Seligpreisungen durchgenommen. Mich regt das auf, dass ich
immer erst arm und bedürftig und bedrückt und krank sein muss, damit
mich Gott liebt. Und jetzt haben wir wieder so ein Beispiel. Die arme
Witwe wird zum Vorbild und der, der sein ganzes Leben lang arbeitet und
das 10, was sag ich, das 100fache und mehr gibt von seinem mühsamen und
rechtmäßig Verdienten, der soll sich wieder in die Ecke stellen. „Denn
alle haben aus ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat aus ihrem
Mangel heraus alles eingelegt, was sie hatte, ihr ganzes Gut.“ Wundern
wir uns, wenn sich dann etliche trotzig verabschieden mit den Worten:
Dann gebe ich halt gar nichts mehr. Übrigens: Deutschland ist im
Spendenaufkommen immer noch Weltmeister – wenn denn das ein Trost für
jemanden ist.
Aber mal ehrlich. Geht's wirklich ums Geld, liebe Gemeinde? Es geht viel
zu oft ums Geld. Leider. Wie lautete dieses Spruch: Redet ihr noch
miteinander oder habt ihr schon geerbt? Traurig. Und sagen sie jetzt ja
nicht: Aber ohne Geld geht's doch nicht. Stellen wir uns nicht dümmer,
als wir sind. Uns ärgert doch diese Geschichte, weil sie uns trifft und
weil wir ahnen, dass es überhaupt nicht ums Geld geht. Auch bei Gott
nicht. Und wir können sie ja auch nicht mitnehmen, all diese kostbaren
Güter, mit denen wir uns unser Leben versüßen und vereinfachen. Manchmal
wäre es wahrlich besser, wir würden lieber unseren Geldbeutel stecken
lassen, als dass wir großmütig 50 Cent in den Klingelbeutel werfen mit
einem großen Schild: „Jetzt muss aber auch ein dickes DANKE kommen.“
Oder: Ich bin ein guter Mensch.
Was veranlasst Jesus uns diese arme Frau vor Augen zu halten. Es ist
eine Lehrgeschichte, doch was sollen wir lernen? Was tut die Witwe
anderes, wenn es schon nicht die Höhe des Geldbetrages ist, den wir im
Opferstock einlegen?
Von Herzen geben
Zwei Dinge sind mir aufgefallen. Erstens: Die Witwe gibt
von Herzen und sie gibt alles. Einfach so. Unüberlegt? – ich weiß es
nicht. Irgendetwas bewegt sie und sie gibt freimütig und von Herzen. Wir
wissen ja nicht viel von dieser Frau, aber das eine wissen wir: „...
diese aber hat aus ihrem Mangel heraus alles eingelegt, was sie hatte,
ihr ganzes Gut.“ Sie erinnern sich vielleicht an das Märchen vom
Sterntaler. Dieses Mädchen gibt auch ihr letztes Hemd. Und sie wird
dafür reichlich belohnt. In unserer Geschichte steht nichts von
Belohnung. Doch ich glaube, jeder von uns würde gerne mal von Jesus als
Vorbild vor die anderen hingestellt werden. Das täte unserer Seele schon
auch gut. Meistens sind wir ja auf der Seite der Sünder und der
Angeklagten. Die Witwe gibt von Herzen. Ist es das? Ich glaube schon.
Überlegen wir doch mal. Wann haben sie das letzte Mal von Herzen
gegeben. Nicht dieses: zu Hause ausgemistet und dann dem anderen
großmütig überreicht. Auch nicht mit dem schlechten Gewissen: Oh, ich
habe dieses Jahr gut verdient, da müsste ich doch ... Dass sie mich
nicht falsch verstehen. Das ist nicht verkehrt oder schlecht, wenn wir
so denken. Es ist prinzipiell schon richtig und eine gute christliche
Tugend, dass wir von unserem Hab und Gut abgeben und mit anderen Teilen.
Und dennoch ist da etwas anderes. Was macht die Witwe, dass sie uns von
Jesus als Vorbild vor Augen geführt wird? Warum sollte ihr Weniges noch
mehr wert sein als das Viele der anderen?
Ich glaube, es liegt doch daran: Sie gibt von Herzen. Ohne Berechnung.
Da ist nicht gleich der kühl rechnende Betriebswirt, der durchrechnet,
was geht und was sich rentiert und was angemessen wäre. Wir kennen das
doch alle, diese Überlegungen; gerade beim Schenken: Was habe ich
bekommen? Was schenkt man so? Man will ja auch nicht zuviel ... außerdem
hat man sich alles mühsam sauer erarbeitet und erspart.
Unser Geben ist oft sehr berechnend. Das meint Jesus mit dem Geben aus
dem Überfluss. Wir berechnen oft und kalkulieren beim Geben. Die Witwe
gibt von Herzen und das ist dann auch schon alles. Denken wir nur einmal
an die selbst gebastelten Geschenke von unseren Kindern – das ist alles,
weil es von Herzen kommt. Da geht es nicht mehr um die Höhe des
Betrages. Hier geht es um die Liebe, die wir dahinter wahrnehmen und
spüren. „Alles“ ist immer auch ein Stück von meiner Person, ein Teil
meines Herzens. Wenn ich „Alles“ gebe, heißt das, dass ich von Herzen
geben, ohne Verzweckung, ohne Aufrechnung, was bekomme ich dafür. Ohne
Verpflichtung.
Ich schenke ein Stück von mir – was gibt es kostbareres. Die meisten von
uns schaffen das nur hin und wieder. Doch es ist wichtig, dass wir es
zumindest hin und wieder schaffen, weil dieses von Herzen geben uns
selbst gut tut. In der U-Bahn habe ich mal gelesen: Liebe ist das
einzige, das wächst, wenn man sie verschenkt. Haben wir keine Angst,
dass das vielleicht unvernünftig sein könnte. Manchmal tut es so
unendlich gut, wieder mal unvernünftig zu sein. Was die Witwe tut, ist
ja unvernünftig. Sicherlich hätte sie von dem Geld Brot kaufen können
und der Hunger wäre ein paar Tage später bei ihr eingezogen. Aber wäre
es das gewesen?
Alles geben
Das zweite, das mir auffällt ist: Die Witwe ist
unvernünftig. Vielleicht ist ja „unvernünftig“ nicht der richtige
Begriff, aber mir fallen viele Beispiele ein, in denen Menschen
unvernünftig gehandelt haben und sie dadurch vor der Welt zum Vorbild
wurden, ja noch mehr, dadurch die Idee von einer menschlichen Welt mit
einer hoffnungsvollen Zukunft gerettet wurde. Denken wir an die großen,
bekannten Namen, die stellvertretend für die vielen kleinen, unbekannten
Namen stehen, denken wir an Mutter Theresa oder Martin Luther King, an
Mahatma Gandhi oder Paul Schneider, an Martin Luther oder Sophie Scholl
und all die anderen. Hätten sie sich eingefügt, hätten sie sich
arrangiert, wären sie vernünftig gewesen und hätten sich angepasst an
die bestehenden Verhältnisse, dann wäre ihnen viel Mühe und Arbeit und
manche Bedrängnis und Not erspart geblieben. Einige von ihnen wurden
sogar ermordet. Ihre Familien wurden mit hineingezogen und manches Leid
und manche Belastung über sie gebracht. Mit vernünftig hat das gar
nichts mehr zu tun, sondern mit Leidenschaft. Nicht berechnend, sondern
von Herzen geben – und zwar alles, sogar sich selbst und die eigene
Sicherheit und Absicherung.
Wir müssen nicht so leben. Doch tun wir nicht gleich alles wieder ab als
Hirngespinst. Lassen wir uns von dieser Beispielgeschichte ansprechen
und anrühren. In der Passionszeit erinnern wir uns an einen, der sich
auch ganz gegeben hat. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen
einzigen Sohn gab.“ Nicht nur einen Propheten und auch nicht nur
predigende Worte, sondern sich selbst und ganz. Gott hat alles gegeben,
damit wir mit ihm alles gewinnen können. Er hat seine einziges Kind
geopfert. Für uns. Mit Vernunft hat das nichts zu tun, sondern etwas mit
dem Herzen Gottes. Wäre Gott berechnend gewesen, dann wäre die Welt nach
ihrer schrecklichen Tat vernichtet worden. Doch so hat er sich selbst
dazwischen geworfen, zwischen uns und die vernichtende Macht unsere
Sünden, damit wir leben können.
„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen
Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.“ Nach weltlicher Berechnung war das
unvernünftig, nach göttlicher die Rettung der Welt. Gott hat sich nicht
zurückgehalten. Er hat alles gegeben. Wie verblendet wir doch oft nur
sehen und wahrnehmen können. Während wir durch unsere Vernunft immer
wieder neu versuchen die Welt zu zerlegen in Regeln und Ordnungen und
Gesetze, stellt uns Jesus eine arme Frau vor Augen, die völlig
unvernünftig handelt, aber das von Herzen. Und wer weiß: Vielleicht ist
es ja wieder einmal so weit, dass sie ihrer Frau einen Strauß Rosen
schenken, einfach so, ohne Anlass, nur weil sie ihr sagen wollen, dass
sie sie noch lieben. Oder dem Stadtstreicher 20 Euro in den Becher
gelegt – weil es ihnen gut tut. Oder dass sie sich einen Hut kaufen. Wir
wissen längst, worauf uns Jesus mit seiner Beispielerzählung aufmerksam
machen möchte. Stellen wir uns nicht dümmer, als wir sind.
Pfarrer
Martin Adel
(Dreieinigkeitskirche
Hof)
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Text:
41 Und Jesus setzte sich dem
Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk
Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele
Reiche legten viel ein.
42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei
Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.
43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu
ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe
hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die
etwas eingelegt haben.
44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss
eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre
ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben
hatte. |