Predigt     Markus 12/41-44    Okuli (3. Sonntag der Passionszeit)    27.02.05

"Nachfolge - alles geben"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

Die Verkäuferin im Schreibwarenladen kopiert für mich Manuskripte. Sie interessiert sich für den Inhalt, denn das Bild irgendwo in der Mitte gefällt ihr so gut. So erzähle ich ihr in knappen Worten von dem "Scherflein der Witwe" im Markusevangelium. Sie hört zu. Sie ist ganz still, auch, als ich längst aufgehört habe, zu sprechen. Nach einer Weile seufzt sie tief und sagt: "Wissen Sie, das erinnert mich an die Zeit, als ich gerade geschieden war. Meine Arbeitsstelle war ich damit auch los, denn ich war vorher bei meinem geschiedenen Mann angestellt. Und das ging dann nicht mehr. Er hat mich entlassen. Ich hatte wirklich nichts mehr außer hundert Mark im Geldbeutel. Keine Ahnung, wie das alles weitergehen sollte. Da bin ich losgegangen und habe mir für diese hundert Mark einen Hut gekauft, den ich mir schon ganz lange gewünscht hatte. Sie sehen, ich lebe noch. Und den Hut habe ich auch noch.

Sollen wir verarmen?

Sollen wir verarmen? Ist das der Wunsch Jesu? Alles aufgeben und alles hergeben für die Kirche, für den Glauben, für die Armen? Für manche ist das ihre Berufung. Alles zu geben für den anderen. Durchaus. So wie die Jünger ihre Netze liegen ließen und Jesus nachgefolgt sind. Aber diese Berufung gilt nicht für alle. Und dennoch ist die Erzählung für unsere Ohren bestimmt und eine arme, bis dahin unbedeutende Witwe wird uns durch die Jahrhunderte hindurch als Vorbild vor Augen geführt. Will Jesus, dass wir verarmen?

Ich glaube nicht; zumindest nicht in dieser vordergründigen Weise, wie es die meisten verstehen. Ich habe noch die Worte einer Schülerin vom vergangenen Donnerstag im Ohr, wie sie sagte: Mich regt das auf – wir hatten die Seligpreisungen durchgenommen. Mich regt das auf, dass ich immer erst arm und bedürftig und bedrückt und krank sein muss, damit mich Gott liebt. Und jetzt haben wir wieder so ein Beispiel. Die arme Witwe wird zum Vorbild und der, der sein ganzes Leben lang arbeitet und das 10, was sag ich, das 100fache und mehr gibt von seinem mühsamen und rechtmäßig Verdienten, der soll sich wieder in die Ecke stellen. „Denn alle haben aus ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat aus ihrem Mangel heraus alles eingelegt, was sie hatte, ihr ganzes Gut.“ Wundern wir uns, wenn sich dann etliche trotzig verabschieden mit den Worten: Dann gebe ich halt gar nichts mehr. Übrigens: Deutschland ist im Spendenaufkommen immer noch Weltmeister – wenn denn das ein Trost für jemanden ist.

Aber mal ehrlich. Geht's wirklich ums Geld, liebe Gemeinde? Es geht viel zu oft ums Geld. Leider. Wie lautete dieses Spruch: Redet ihr noch miteinander oder habt ihr schon geerbt? Traurig. Und sagen sie jetzt ja nicht: Aber ohne Geld geht's doch nicht. Stellen wir uns nicht dümmer, als wir sind. Uns ärgert doch diese Geschichte, weil sie uns trifft und weil wir ahnen, dass es überhaupt nicht ums Geld geht. Auch bei Gott nicht. Und wir können sie ja auch nicht mitnehmen, all diese kostbaren Güter, mit denen wir uns unser Leben versüßen und vereinfachen. Manchmal wäre es wahrlich besser, wir würden lieber unseren Geldbeutel stecken lassen, als dass wir großmütig 50 Cent in den Klingelbeutel werfen mit einem großen Schild: „Jetzt muss aber auch ein dickes DANKE kommen.“ Oder: Ich bin ein guter Mensch.

Was veranlasst Jesus uns diese arme Frau vor Augen zu halten. Es ist eine Lehrgeschichte, doch was sollen wir lernen? Was tut die Witwe anderes, wenn es schon nicht die Höhe des Geldbetrages ist, den wir im Opferstock einlegen?

Von Herzen geben

Zwei Dinge sind mir aufgefallen. Erstens: Die Witwe gibt von Herzen und sie gibt alles. Einfach so. Unüberlegt? – ich weiß es nicht. Irgendetwas bewegt sie und sie gibt freimütig und von Herzen. Wir wissen ja nicht viel von dieser Frau, aber das eine wissen wir: „... diese aber hat aus ihrem Mangel heraus alles eingelegt, was sie hatte, ihr ganzes Gut.“ Sie erinnern sich vielleicht an das Märchen vom Sterntaler. Dieses Mädchen gibt auch ihr letztes Hemd. Und sie wird dafür reichlich belohnt. In unserer Geschichte steht nichts von Belohnung. Doch ich glaube, jeder von uns würde gerne mal von Jesus als Vorbild vor die anderen hingestellt werden. Das täte unserer Seele schon auch gut. Meistens sind wir ja auf der Seite der Sünder und der Angeklagten. Die Witwe gibt von Herzen. Ist es das? Ich glaube schon.

Überlegen wir doch mal. Wann haben sie das letzte Mal von Herzen gegeben. Nicht dieses: zu Hause ausgemistet und dann dem anderen großmütig überreicht. Auch nicht mit dem schlechten Gewissen: Oh, ich habe dieses Jahr gut verdient, da müsste ich doch ... Dass sie mich nicht falsch verstehen. Das ist nicht verkehrt oder schlecht, wenn wir so denken. Es ist prinzipiell schon richtig und eine gute christliche Tugend, dass wir von unserem Hab und Gut abgeben und mit anderen Teilen. Und dennoch ist da etwas anderes. Was macht die Witwe, dass sie uns von Jesus als Vorbild vor Augen geführt wird? Warum sollte ihr Weniges noch mehr wert sein als das Viele der anderen?

Ich glaube, es liegt doch daran: Sie gibt von Herzen. Ohne Berechnung. Da ist nicht gleich der kühl rechnende Betriebswirt, der durchrechnet, was geht und was sich rentiert und was angemessen wäre. Wir kennen das doch alle, diese Überlegungen; gerade beim Schenken: Was habe ich bekommen? Was schenkt man so? Man will ja auch nicht zuviel ... außerdem hat man sich alles mühsam sauer erarbeitet und erspart.
Unser Geben ist oft sehr berechnend. Das meint Jesus mit dem Geben aus dem Überfluss. Wir berechnen oft und kalkulieren beim Geben. Die Witwe gibt von Herzen und das ist dann auch schon alles. Denken wir nur einmal an die selbst gebastelten Geschenke von unseren Kindern – das ist alles, weil es von Herzen kommt. Da geht es nicht mehr um die Höhe des Betrages. Hier geht es um die Liebe, die wir dahinter wahrnehmen und spüren. „Alles“ ist immer auch ein Stück von meiner Person, ein Teil meines Herzens. Wenn ich „Alles“ gebe, heißt das, dass ich von Herzen geben, ohne Verzweckung, ohne Aufrechnung, was bekomme ich dafür. Ohne Verpflichtung.

Ich schenke ein Stück von mir – was gibt es kostbareres. Die meisten von uns schaffen das nur hin und wieder. Doch es ist wichtig, dass wir es zumindest hin und wieder schaffen, weil dieses von Herzen geben uns selbst gut tut. In der U-Bahn habe ich mal gelesen: Liebe ist das einzige, das wächst, wenn man sie verschenkt. Haben wir keine Angst, dass das vielleicht unvernünftig sein könnte. Manchmal tut es so unendlich gut, wieder mal unvernünftig zu sein. Was die Witwe tut, ist ja unvernünftig. Sicherlich hätte sie von dem Geld Brot kaufen können und der Hunger wäre ein paar Tage später bei ihr eingezogen. Aber wäre es das gewesen?

Alles geben

Das zweite, das mir auffällt ist: Die Witwe ist unvernünftig. Vielleicht ist ja „unvernünftig“ nicht der richtige Begriff, aber mir fallen viele Beispiele ein, in denen Menschen unvernünftig gehandelt haben und sie dadurch vor der Welt zum Vorbild wurden, ja noch mehr, dadurch die Idee von einer menschlichen Welt mit einer hoffnungsvollen Zukunft gerettet wurde. Denken wir an die großen, bekannten Namen, die stellvertretend für die vielen kleinen, unbekannten Namen stehen, denken wir an Mutter Theresa oder Martin Luther King, an Mahatma Gandhi oder Paul Schneider, an Martin Luther oder Sophie Scholl und all die anderen. Hätten sie sich eingefügt, hätten sie sich arrangiert, wären sie vernünftig gewesen und hätten sich angepasst an die bestehenden Verhältnisse, dann wäre ihnen viel Mühe und Arbeit und manche Bedrängnis und Not erspart geblieben. Einige von ihnen wurden sogar ermordet. Ihre Familien wurden mit hineingezogen und manches Leid und manche Belastung über sie gebracht. Mit vernünftig hat das gar nichts mehr zu tun, sondern mit Leidenschaft. Nicht berechnend, sondern von Herzen geben – und zwar alles, sogar sich selbst und die eigene Sicherheit und Absicherung.

Wir müssen nicht so leben. Doch tun wir nicht gleich alles wieder ab als Hirngespinst. Lassen wir uns von dieser Beispielgeschichte ansprechen und anrühren. In der Passionszeit erinnern wir uns an einen, der sich auch ganz gegeben hat. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab.“ Nicht nur einen Propheten und auch nicht nur predigende Worte, sondern sich selbst und ganz. Gott hat alles gegeben, damit wir mit ihm alles gewinnen können. Er hat seine einziges Kind geopfert. Für uns. Mit Vernunft hat das nichts zu tun, sondern etwas mit dem Herzen Gottes. Wäre Gott berechnend gewesen, dann wäre die Welt nach ihrer schrecklichen Tat vernichtet worden. Doch so hat er sich selbst dazwischen geworfen, zwischen uns und die vernichtende Macht unsere Sünden, damit wir leben können.

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Nach weltlicher Berechnung war das unvernünftig, nach göttlicher die Rettung der Welt. Gott hat sich nicht zurückgehalten. Er hat alles gegeben. Wie verblendet wir doch oft nur sehen und wahrnehmen können. Während wir durch unsere Vernunft immer wieder neu versuchen die Welt zu zerlegen in Regeln und Ordnungen und Gesetze, stellt uns Jesus eine arme Frau vor Augen, die völlig unvernünftig handelt, aber das von Herzen. Und wer weiß: Vielleicht ist es ja wieder einmal so weit, dass sie ihrer Frau einen Strauß Rosen schenken, einfach so, ohne Anlass, nur weil sie ihr sagen wollen, dass sie sie noch lieben. Oder dem Stadtstreicher 20 Euro in den Becher gelegt – weil es ihnen gut tut. Oder dass sie sich einen Hut kaufen. Wir wissen längst, worauf uns Jesus mit seiner Beispielerzählung aufmerksam machen möchte. Stellen wir uns nicht dümmer, als wir sind.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein.
42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.
43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.
44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.


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