Predigt     Johannes 5/1-9     50 Jahre Altenheim der Hospitalstiftung     27.06.2010

"Dem Menschen ein Mensch sein"
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Der Epitaph "Teich von Bethesda" in der Hospitalkirche
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Liebe Leser,

ich hab sie wieder reingenommen. Ich hab sie wieder reingenommen, die Verse 3-4, die, wie die historisch-kritische Forschung herausgefunden hat, wohl ein späterer Abschreiber des Johannesevangeliums hinzugefügt hat. Denn diese Geschichte vom Engel, der so gerne im Teich Betesda baden geht und dadurch das Wasser so wundertätig und heilsam macht, ist einfach zu schön; einfach zu schön, um wahr zu sein.

Und gerade deshalb hat sie Menschen damals wie heute fasziniert. Auf dem Epitaph „Teich von Betesda“, hinten rechts in der Hospitalkirche, dessen Mittelteil Sie auf Ihrem Liedblatt betrachten können, hat der Künstler den fröhlich planschenden Engel mit gerafftem Kleid mitten ins Bild gemalt. Da ist es kein Wunder, dass es heute sehr viele Altenheime, Kliniken und andere gesundheitsfördernde Einrichtungen gibt, die Betesda heißen.

Das sind oft wahre Gesundheitstempel (vgl. Dr. Dagmar Kreitzscheck, in GPM, 2/2007, Heft 4, S.425), in denen es richtige Priester gibt, die mit weißen oder grünen Kitteln herumlaufen. Diese sogenannten Ärzte werden von Tempelfunktionären gemanagt, die in sogenannten Krankenkassen sitzen. Der niedere Klerus besteht aus den Pflegekräften und Therapeuten. Viele Gläubige, also wir alle, pilgern im Notfall in diese Tempel, für deren Unterhalt wir nicht nur den biblischen Zehnten, sondern sogar bis zu 18% unseres Einkommens opfern, um dann bei der Visite die hochgezogene Augenbraue des behandelnden Priesters betrachten zu dürfen. Dafür bietet man uns die Hoffnung auf ewige Gesundheit, zumindest bis ins hohe Alter. Allerdings nur wenn wir die asketischen Übungen in Form von Diäten und Fitnessübungen und die Speisegebote einhalten, als da wären fünfmal am Tag Obst und Gemüse, und Verzicht auf Alkohol, Tabak und anderen Feinstaub. Dagegen sind manche Speisegebote aus dem Alten Testament wirklich ein Klacks. Weil das so ist, senden die Gesundheitstempel und ihre Religionsgemeinschaften Gesundheitsapostel aus, die vom Himmel hoch und satellitengestützt ihre Gebote und die mit ihnen verbundenen Verheißungen bis in die hintersten Winkel der Welt senden. Mit Erfolg. Jeder, der eine Apotheke mit einem daneben liegenden Wirtshaus vergleicht, weiß sofort, wer mehr Besucher hat.

Angesichts solchen Rummels um die Gesundheit, nimmt sich das 50jährige Jubiläum des Altenheims der Hospitalstiftung, deren einziger Stiftungszweck die Altenhilfe ist, wirklich unspektakulär aus. Es erinnert uns zunächst einmal an die Binsenweisheit, dass der Mensch trotz der sensationellen Versprechen der modernen Medizin und trotz planschender Engel in wundertätigen Teichen und anderem Hokuspokus früher oder später alt und gebrechlich wird. So hilflos und hilfsbedürftig, wie er auf die Welt gekommen ist, so hilfsbedürftig muss er sie wieder verlassen. Und so zeigt sich gerade am Anfang und am Ende des Lebens, was unabdingbar zum Wesen des Menschen gehört. Der Mensch ist nicht vor allem der Leistungsfähige, der sich und seine Welt selbst schafft und macht. Er ist vor allem ein Mensch, der auf Zuwendung, Hilfe, Liebe und Fürsorge angewiesen ist.

Der Theologe Eberhard Jüngel schreibt: „Kinder und Alte repräsentieren auf natürlichste Weise den unbedingten Vorrang der Person vor ihren Taten. Sie sind ja primär Nehmende und können für ihr Dasein noch nichts oder nichts mehr tun. Nur wenn wir sie als solche, die für ihr Dasein noch nichts oder nichts mehr tun können, als eine Wohltat empfinden, nur wenn wir, statt nach ihrem - auf- oder abwertbaren - Wert zu fragen, ihre Würde respektieren, strahlen unsere Gottesdienste das Evangelium so in den Alltag der Welt aus, dass unsere Leistungsgesellschaft eine menschliche Gesellschaft genannt zu werden verdient. Entsprechendes gilt für unseren Umgang mit Kranken, und zwar nicht nur für unseren privaten Umgang, sondern auch für den sich in der Sozialgesetzgebung ausweisenden gesellschaftlichen Umgang mit den kranken Menschen.“ (Eberhard Jüngel, Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des Christlichen Glaubens, Mohr, 1999/3, S.229)

Der ehemalige Leiter des Diakonischen Werkes Hof, Friedrich Sticht, sagte zum Abschied 2004 in seinem Resümee: „Die Solidarität der Gesellschaft wurde nun schon so lange schlecht geredet, dass sie aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden ist. Mich bedrückt die Schamlosigkeit, mit der man sich zur Unsolidarität bekennt!“ Und der Gelähmte schreit es schon am Teich von Betesda hinaus: Herr, ich habe keinen Menschen! Tiefer kann eine Klage nicht sein. Übermenschlich kann eine Bedrohung, eine Aufgabe, eine Angst und ein Leid werden. Aber ohne Mensch kann der Mensch nicht Mensch sein und bleiben. Ohnmenschlich verliert der Mensch seine Würde. Ohnmenschlichkeit ist die unterste Stufe der Verdammnis. 38 steinerne Jahre hatte dieser Mensch Zeit, um darüber nachzudenken. Und deshalb lässt er die Frage Jesu, ob er denn gesund werden will, nicht an ihrer Oberfläche stehen, sondern geht sich und seiner Krankheit auf den Grund: Herr, ich habe keinen Menschen. Und bezeichnet damit nicht nur seine persönliche Krankheit. Er bringt zur Sprache, was auch heute als Krankheit unserer modernen Gesellschaft gelten kann.

Sie kann nur geheilt werden, wenn wir uns wieder auf das Maß des Menschlichen besinnen. So wie Hospitalmeister Wolf Schultes das schon vor über 450 Jahren getan hat. Anlässlich des Todes seiner Frau Margareta hat er es sich um das Jahr 1546 ein hübsches Sümmchen kosten lassen, damit wir Heutigen noch erfahren, wo er seinen Platz sah. Nehmen Sie das Bild zur Hand und Sie entdecken ihn mitten drin, ausstaffiert wie Martin Luther. Vorne im Bild ist das Gerenne groß um den wundertätigen Teich mit dem Engel. Aber das ist nicht der Platz von Schultes. Er wies den Maler Johann Hegenberger an, ihn an die Seite Jesu zu malen. Man wird zurecht sagen können: Das Hofer Hospital verstand sich als diakonische Einrichtung und Hospitalmeister Schultes verstand sich als Diakon, lange bevor die Diakonie für die Evangelische Kirche durch Johann Hinrich Wichern im 19. Jahrhundert "neu erfunden" wurde. Und deshalb hat er sich nicht nur an die Seite Jesu malen lassen, der ihm die Hand auf die Schulter legt. Sie finden Schultes auch ganz links wieder am Bett eines Kranken. Das ist die ganz unspektakuläre Zuwendung, der tägliche Dienst, der jeden Tag aufs Neue zu tun ist, damit Menschen einen Menschen haben. Dieses Bild darf ihnen vor Augen stehen, egal ob Sie diesen Dienst als PflegerIn, ErgotherapeutIn, gerontopsychiatrische Fachkraft, HeimleiterIn oder einfach als BesucherIn tun.

Wolf Schultes, der Hospitalmeister, empfiehlt uns allen dringend, uns dieses Bild vor Augen zu halten. Denn er hat wohl auch das gewusst: Wenn wir es mit dem Leid der Welt, und sei es nur mit dem, das am Ende unseres Lebens auf manchen von uns wartet, alleine aufnehmen wollten, dann sind wir schnell verlorene Leute. Gerade in den helfenden Berufen ist die Gefahr auszubrennen besonders groß. Sie trifft gerade den, der den Menschen ein Mensch sein will und deshalb empfindsam bleibt und mitleiden kann. Der wird besonders darunter leiden, dass auch die Arbeitszeiten für Pflegedienstleistungen immer strenger reglementiert sind. Pflegen im Akkord sozusagen. Da muss der Mensch für den Menschen zwangsläufig irgendwann auf der Strecke bleiben. Längst wird deutlich, dass man angesichts der weiteren Alterung unserer Gesellschaft die Zuwendung für den alten Menschen nicht durch berufliche Leistung abdecken kann, sondern dass in Zukunft ehrenamtliches Engagement in viel höherem Maße nötig sein wird. Die christliche Gemeinde sollte dies als erste erkennen. Aber für beide, die Haupt- und die Ehrenamtlichen gilt der gleiche Rat, des Hospitalmeisters Schultes: nehmt es nicht allein mit dem Leid dieser Welt auf!

Tut es als Mitarbeiter des Christus und seiner Apostel. Tut es an der Seite dessen, der es mit dem Leid und mit dem Tod wirklich aufnehmen kann. Tut es nicht, ohne die Hand des Christus auf eurer Schulter zu spüren, wie Schultes auf dem Bild. Tut es nicht ohne ihm eure Hand hinzustrecken, wie Schultes das tut. Dazu braucht es oft nicht einmal ein Gebet. Denn wir alle haben es schon erlebt. Dem Menschen ein Mensch sein, heißt nicht nur geben. Unverhofft werden wir selber reich durch den, dem wir uns zuwenden. Sind es nicht gerade die geringsten Schwestern und Brüder, in denen uns Christus begegnet? Wer dem Menschen ein Mensch wird, der kann deshalb unvermittelt neben dem Christus stehen und seine Hand halten. Und dazu hätte auch Hospitalmeister Schultes nur noch ein Wort gesagt:
Amen.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text:

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte.
4 Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.
5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.
6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
 

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