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Liebe Leser,
an Weihnachten lassen wir es uns so richtig gut gehen: Gut essen,
gut trinken, sich selbst und anderen eine Freude machen. Mag es
draußen noch so finster, kalt und ungemütlich sein. An Weihnachten
trotzen unsere gut gewärmten und geschmückten Stuben den
Widrigkeiten unserer Welt. Wenigstens an Weihnachten. Wenigstens an
Weihnachten soll der Christbaum leuchten, wie übel uns das Leben
übers Jahr auch mitgespielt hat und wie groß die Probleme unserer
Welt auch gerade sind. Heute zeigen wir’s aller Welt: In unseren
Stuben und in unseren Herzen brennt noch Licht.
Auch rund ums Haus entfacht so mancher allerlei Lichterzauber. Denn
gerade dann tut es in dieser dunklen Weihnachtszeit so richtig gut,
nach Hause zu kommen. Als wäre das ganze Leben eine finstere
Wanderschaft durch Eis und Schnee und Dreck und Hoffnungslosigkeit,
bis einen schon von Ferne das Licht im Fenster und der Lichterbaum
im Garten grüßen und ein besseres Leben verheißen. Erfüllung der
Sehnsucht. Endlich daheim. Aber die Vorfreude zerplatzt wie eine
Seifenblase, wenn die Türe aufgeht und eine allzu bekannte Stimme
vorwurfsvoll fragt, ob man denn endlich das Weihnachtsgeschenk für
Tante Luise besorgt und an die Getränke gedacht habe. Ach, wer die
Sehnsucht der Weihnachtslichter auskosten will, muss an Weihnachten
wohl besser draußen bleiben.
Seid ihr deshalb heute noch einmal raus gegangen und rein in die
Kirche? Wenigstens an Weihnachten? Weil auch hier noch Licht brennt
und das Licht in euren Herzen es auch an Weihnachten so verdammt
schwer hat gegen eure Erfahrung, eure Enttäuschung, eure
Ausweglosigkeiten, eure Verwundungen, eure Todesangst, gegen all
das, was dieses Licht bedroht, verspottet, lächerlich macht? Da ist
es doch schon einmal besser sich zu versammeln, wie die Pinguine in
der Antarktis, die sich in der monatelangen Winternacht dicht
gedrängt wärmen. Sitzen und stehen wir zusammen, damit der eisige
Sturm der Weltfinsternis unsere kleinen Lichter nicht ausbläst.
Habt ihr schon einmal ein Bild aus dem Weltraum von der Nachtseite
unserer Erde gesehen? Wie Silberadern durchziehen die Lichter der
Nacht unsere Kontinente. Gott kann wohl mehr sehen, als die dünnen
Strahlen unserer Straßenbeleuchtung. Ich stelle mir vor, dass er
jeden von uns sehen kann, wie er aufblitzt, seine Leuchtspur
hinterlässt und wieder verlischt. Jede Träne, jede Sehnsucht, jeder
Schmerz wie ein Licht, bis auch davon die Kontinente durchzogen sind
wie von Silberadern. So gesehen wird diese Welt wohl dort am
hellsten leuchten, wo die größte Not erlitten und die bittersten
Tränen geweint werden. So gesehen wird es wohl an vielen Stellen
dieser Welt so hell sein, dass es zum Himmel schreit.
Ich habe euch heute nicht weniger zu verkünden, als dass Gott all
dem nicht aus der Ferne zusieht, sondern zur Welt kommt, um sein
Licht inmitten all dieser Lichter aufstrahlen zu lassen: Als Licht
der Befreiung, als Licht der Weisheit, als Licht des Lebens, als
Licht auf dem Heimweg und als Licht des Friedens. Da sollte für
jeden angestrengten Weihnachtsmenschen etwas dabei sein. Wie könnten
wir den Reichtum dieses Lichtes in dieser Stunde auch nur annähernd
ausreichend predigen?
Am Anfang sieht der Prophet ganz deutlich: Wenn das Licht Gottes in
die finstere Welt fährt, dann kommen Jubel und Freude auf. Ein
Tsunami der Freude läuft ihm voraus und wen diese Riesenwelle
erfasst, der nimmt keinen Schaden, sondern den reißt sie empor vom
Erdboden aller Traurigkeit und lässt ihn tanzen. Wen das Licht
Gottes trifft, der spürt, wie das Joch auf seiner Schulter zu Staub
zerfällt: Das Joch, das die Ochsen hart auf ihren Rücken spüren,
während sie endlos im Kreis um dem Mahlstein stampfen. Dieses Bild
für die Knechtschaft kennen wir alle nur zur Genüge aus unserem
eigenen Leben, und die ängstliche Frage dazu, für wie viele Runden
die Kräfte noch reichen. Luther hat in seiner Predigt zum Text
dieses Joch als den Tod identifiziert, die Jochstange als die Sünde
und den Stecken des Treibers als das Gesetz. Wie gut passt das zu
uns heutigen Menschen, die wir lebenslang in einen gnadenlosen
Prozess der Selbstoptimierung gejagt werden und diesen Prozess als
sterbliche Wesen nur verlieren können (!). Wir müssen uns Sisyphos
nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Denn an der Krippe liegen
nur Geschenke und in der Krippe liegt als kleines Menschenkind das
Leben. Der Christus teilt das Leben nicht als Verdienst und
Belohnung, sondern als Beute aus und legt es dir in den Schoß.
Umsonst ist der Tod? Nein, umsonst ist das Leben! Da wird aller
Knechtschaft der Boden entzogen. Wer an die Krippe tritt, hört die
Ketten fallen und hinter ihm bleiben die Kriegsutensilien, die
Insignien weltlicher Macht als rauchende Schrotthaufen zurück.
Dann haben wir Muße und Zeit, uns mit den Hirten über die Krippe zu
beugen und das Kind näher zu betrachten, auf dessen Schultern nach
den Worten des Propheten nun die wahre Herrschaft über die Welt
ruht. „Jesus von Nazareth“ hätte auf seiner Geburtsurkunde
gestanden, wenn es so etwas damals schon gegeben hätte. Für die
Ausfertigung dieser Urkunde für religiöse Zwecke hätte eine Seite
nicht gereicht. Ein Neues Testament ist daraus geworden. Den
„Gesalbten Gottes“ hat man ihn genannt, was Hebräisch Messias und
Griechisch Christus heißt. Menschensohn, in dem Gott zur Welt kommt.
Am Ende wird er sich zur Rechten des Vaters setzen und über den
Kosmos richten und herrschen. In Gestalt eines Lammes wird er in der
Offenbarung des Johannes geschaut.
Jesaja hat weitere Namen dieser Gottesgeburt vernommen.
„Wunder-Rat“: Was der Christus predigen wird, wird ein Licht in der
Welt sein. Es gibt uns zu denken. Nicht von Ungefähr hat die
christliche Philosophie den Christus mit der Weisheit Gottes
zusammen gesehen und gedacht. Seine Worte tun, was sie sagen. Sie
können Köpfe und Herzen bekehren. Sie rufen aus Krankheit und Tod.
„Gott-Held“ ist der, der den Sieg davonträgt und damit das Leben.
Der Christus geht den Weg der Gewaltlosigkeit, wird ans Kreuz
genagelt und ins Felsengrab gelegt. Seine Auferstehung ist Gottes
Triumph über den Tod, der uns und aller Welt zugutekommt.
„Ewig-Vater“: Der Christus ist der Weg und die Wahrheit und das
Leben. (Johannes 14,6) Er zeigt und öffnet uns den Weg nach Hause,
dorthin, wo wir herkommen und wo wir hingehen. Er zeigt uns unser
Leben und unsere Welt, ja den gewaltigen Kosmos, als Heimweg.
Erfüllung der Sehnsucht. Endlich daheim. „Friede-Fürst“, mit dem es
unsere friedlose Welt zu tun bekommt. Der wird gewinnen. Deshalb
habe ich euch heute nicht weniger zu verkünden, als dass Gott zur
Welt kommt, um sein Licht über der dunklen Welt aufstrahlen zu
lassen: Als Licht der Befreiung, als Licht der Weisheit, als Licht
des Lebens, als Licht auf dem Heimweg und als Licht des Friedens.
Ja schon wahr, dass das Christuskind als Erwachsener, schon fast am
Ende seines Weges auf dieser Erde, zu Pilatus sagen wird, sein Reich
sei nicht von dieser Welt. (Johannes 18,36) Da hat Pilatus
vielleicht schon aufgeatmet, und Herodes, und wie sie alle heißen,
die auf unserer Welt die Macht haben. Selbst Theologen haben immer
wieder versucht, die Welt wenigstens in zwei Bereiche einzuteilen.
In der frommen Seele darf Gott regieren und im Rest dieser Welt
können die Mächtigen weiter machen, was sie wollen.
Schon Jesaja hätte sich halb totgelacht über so viel Dummheit und
hätte gesagt: Das Kind, das uns geboren wird und in der Krippe
liegt, ist nicht das liebe Jesuslein für die fromme Seele, sondern
der, dem die Zukunft der ganzen Welt gehört. Und das große Licht
Gottes ist viel mehr, als die Kerzen, die ihr an Weihnachten ins
Fenster stellt. Und weil das so ist, sollten wir an Weihnachten um
Gottes Willen nicht draußen stehen bleiben, um unsere
Weihnachtssehnsucht noch ein Weilchen zu konservieren, sondern
eintreten in den Stall von Bethlehem. Denn was dort geschehen ist,
sagt uns, ja aller Welt, unmissverständlich: Deine Nacht hat ein
Ende. Deine Not und dein Leid sind bemessen. Deine Tränen sind
gezählt. Dein Leben ist keine Reise in den Tod und ins Nichts,
sondern ein Heimweg. Schon wahr, dass das große Licht der Weihnacht
unbedingt und zuerst in unseren Herzen aufstrahlen will. Aber dort
lässt es sich nicht einsperren. Weihnachten kann man nur miteinander
feiern und mit der ganzen Welt. Das lasst uns tun!
Pfarrer Johannes Taig
(Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie
exklusiv unter
www.kanzelgruss.de |
Text:
1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht
ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande,
scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird
man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich
ist, wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer
Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage
Midians.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel,
durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die
Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat,
Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende
auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und
stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.
Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.
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