Predigt     1. Könige 19/1-13a     Okuli     24.02.08

"Steh auf und iss"
(Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

„Mein Lohn ist, dass ich darf!“ – dieses Lebensmotto ist der Dreh und Angelpunkt eines Mannes, dessen 200. Geburtstag sich am 21. Februar jährte. Johann Konrad Wilhelm Löhe. Er war keine einfacher Pfarrer im Gefüge der Landeskirche. Hat sich quer gestellt zu bestehenden Ordnungen, musste mehrmals die Vikarsstellen wechseln aufgrund seiner pietistischen Predigten, bis er 1837 nach Neuendettelsau geschickt wurde und dort blieb bis zu seinem Lebensende im Jahre 1872. Er ist es, der dieses Dorf in Mittelfranken berühmt macht durch die Begründung der Diakonissenanstalt, in dem er Frauen ausbildet, die sich ganz dem Dienst am Nächsten verschrieben haben getreu seinem Motto: „Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe, mein Lohn ist, dass ich darf.“ Am Ende ist Neuendettelsau sogar in Amerika so bekannt, dass Briefe in die alte Reichsstadt Nürnberg mit dem erklärenden Zusatz versehen sind: Nürnberg bei Neuendettelsau.

In Wilhelm Löhe sehen wir einen Mann, der die Nachfolge Christi so ernst nimmt, wie es Jesus in der Evangeliumslesung forderte. Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lk 9,62) Und seine Diakonissen taten es ihm nach und viele andere bis heute, die sich im Dienst am Nächsten aufopfern. Aber ich will heute nicht über diesen Mann predigen, der in unserer Bayerischen Landeskirche die diakonische Landschaft entscheidend mitgeprägt und das Missionswerk gegründet hat. Und doch steht eine Person im Mittelpunkt, die für Gott auch alles gegeben hat. Lange Zeit vor Löhe.

Wir müssen dazu fast 3000 Jahre zurück gehen und befinden uns in der Zeit des Alten Testaments. Zur Zeit der Könige um ca. 850 vor Christi Geburt. Der Mann ist ein Prophet. Er heißt Elia. Und er hat gekämpft für Gott gegen all die Götter im Umland und in Israel. Am Karmel tritt er an gegen die Verführer, die Baalspriester, denen der König Ahab und das Volk Israel zu verfallen drohen. Des Königs Ehefrau Isebel hatte ihre Gottheiten mit in die Ehe gebracht und für deren Verbreitung gesorgt. Doch als im Land eine große Hungersnot tobt, wird ein Gotteszeichen gefordert. Ein Wettstreit entbrennt, welcher Gott der mächtigere ist und die Not beenden kann. Auf der Bergspitze schlachten die Baalspriester einen Stier, opfern ihn und beten zu Baal, dass er es als Brandopfer annehme. Als nichts geschieht, verhöhnt sie Elia. Er baut den Altar Gottes wieder auf, legt sein Schlachtopfer darauf und lässt sogar noch 12 Krüge Wasser darüber gießen, bis alles triefend nass ist. Danach betet er zu Gott. Als Gott darauf hin Feuer vom Himmel fallen lässt und das Brandopfer selbst entzündet schlägt sich das abtrünnige Volk wieder auf seine Seite und es kommt zum großen Gemetzel, an dessen Ende die Baalspriester alle abgeschlachtet sind. Anschließend beginnt es zu regnen und die Dürrekatastrophe ist überstanden. Ein Happyend.

Wir müssen jetzt nicht beurteilen, was wir davon halten und wie wir das bewerten sollen. Aber eines ist jedenfalls klar. Elia hat für Gott alles gegeben. Er hat sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt – denn wäre sein Opfer nicht entzündet worden, hätten ihn die Baalspriester getötet. „Mein Lohn ist, dass ich darf.“ – könnte auch das Motto des Propheten Elia gewesen sein. Protestantische Ethik, protestantischer Fleiß, aus Glaube und Dankbarkeit vor Gott. Bis dahin ist alles vorbildlich. Aber dann geschieht eine große Kehrtwende. Ein Einbruch. Der Zusammenbruch, den auch wir bisweilen kennen, wenn wir mit aller und manchmal letzter Anstrengung Wesentliches in unserem Leben geschafft haben.

Folgendes lesen wir in unserem Predigttext im 1 Kön 19,1-8 (Predigttext)

Es ist genug!

Es ist genug! So nimm nun, Herr, mein Leben hin, denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch schlafen. Der große Gottesstreiter Elia will sterben. Es ist genug! Dürfen wir das sagen?

Gewohnt sind wir eher das andere „Mein Lohn ist, dass ich darf!“ und opfern uns auf bis zur Erschöpfung, bis zur Selbstaufgabe. Ja nicht an sich selber denken. Jedes laute Wort verbietet man sich. Jeder ereifernde Impuls wird unterdrückt. Und wenn es einem doch über die Lippen kommt, dann fühlt man sich schlecht. „Mein Lohn ist, dass ich darf!“ Und dann lesen wir hier von diesem Gottesmann, von diesem Eiferer und Streiter für die gerechte Sache Gottes: „Es ist genug!“ Dürfen wir das sagen, als Dienerinnen und Diener in Gottes Weinberg. „Es ist genug!“

Als ernsthafte Christen haben wir das meistens nicht gelernt und der Theologe und Psychologe Hans-Gerhard Behringer sieht in dieser Textstelle die typischen Anzeichen für ein Burn-out-Syndrom, eine depressive Nachschwingung nach einem lebensgeschichtlichen Höhepunkt. „Es ist genug!“ Kann sein. Auch wir kennen genügend Punkte in unserem Leben, wo uns alles überfordert und das Leben zu viel wird. Vielleicht haben auch wir uns übernommen. Das kann sein. Aus Unvernunft oder aus Pflichtgefühle oder warum auch immer. Egal. Wichtig ist: Elia ruft es laut aus:
Es ist genug! So nimm nun, Herr, mein Leben hin, denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch schlafen.

Und es ist nicht verboten. Elia geht in die Wüste. Er geht in die Wüste seines Lebens. Und er gibt auf. Ich kann nicht mehr! Aber! Er wendet sich nicht ab von Gott! Das ist ja oftmals die Lösung in unserer Zeit. Wer erschöpft ist und nicht weiter kommt, der fühlt sich gleich von Gott verlassen und verlässt daraufhin selbst oft Gott. „Mir hat keiner geholfen, warum sollte ich dann ...“ Wir kennen solche Worte genug und – schlimm genug – manchmal kommen sie auch uns über die Lippen, wie ein Lucky Luke Syndrom: „I am alone some cowboy, with a long way from home“
Doch Elia tut das nicht. Selbst in seiner äußersten Not ruft er Gott an. Er bleibt im Kontakt mit Gott: So nimm nun, Herr, mein Leben hin, denn ich bin nicht besser als meine Väter.

Steh auf und iss

Was für eine Selbsterkenntnis und was für eine tiefe Gotteserkenntnis. Mein Leben aus Gottes Hand und ich bin nicht besser als meine Väter. In der tiefsten Not die tiefste Hingabe. Hier vollzieht sich immer wieder die Wende unseres Lebens. Da, wo wir begreifen, dass wir alleine nicht weiter kommen. Und es erschüttert uns und entsetzt uns. Gerade auch auf den Höhepunkten unseres Lebens merken wir, wie verletzlich wir sind und wie bedrohlich fragil unser Lebenswerk. Erschöpft und ausgelaugt ruft Elia aus: Es ist genug! Und er will nur noch schlafen. Doch dieser bedrohliche Schlaf zum Tode wird hier zum heilsamen Schlaf für ihn.

Da, wo wir den Tod sehen, eröffnet Gott das Leben. Da berührte ihn ein Engel und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und bevor wir uns über den Engel aufregen, sollten wir überlegen, wer meine Engel war und mein Engel ist, der mir in meinen Wüsten schon begegnet ist. Und wir sollten nachdenken, wie lange wir gebraucht haben, bis wir wieder aufgestanden sind aus unserer Not – in der wir uns manchmal schon häuslich niedergelassen haben - und uns aufgesetzt haben. Brot und Wasser – mehr gibt es nicht an diesem Ort. Und das reicht zum Leben. Wer Kaviar oder Champagner erwartet, der sollte besser liegen bleiben. Als er sich umschaute, siehe, da fand sich zu seinen Häupten ein geröstetes Brot nebst einem Krug mit Wasser.

Da ass er und trank und legte sich wieder schlafen. Gott lässt Elia nicht allein. In seiner Erschöpfung lässt er nicht von ihm ab. Aufstehen muss Elia dann schon selbst und essen und trinken auch. Und Gott lässt ihm seine tiefe Erschöpfung zu, so wie er ihm nicht verboten hat zu sagen: „Es ist genug!“ Ja, viel zu selten kommen diese Worte über unsere Lippen und wir merken, wie sich jeder nur noch erschöpft versucht hinter die Ziellinie zu schleppen oder vorzeitig aus dem Räderwerk auszubrechen.

Da berührte ihn ein Engel und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Brot und Wasser – mehr ist es zunächst nicht. Aber er bleibt am Leben. Noch einmal legt er sich zum Schlafen. Und der Engel des Herrn berührt ihn ein zweites Mal – und uns wird bewusst, wie viele Engel wir schon verschlissen haben, weil wir berührt wurden und sie zurück wiesen. Doch dieses Mal hat er einen neuen Auftrag für Elia. Steh auf uns iss! sonst ist der Weg für dich zu weit.

Ja, Gott braucht uns – selbst in den Phasen der Erschöpfung, in den Zeiten, in denen wir nicht wissen, wie es weiter gehen soll. Steh auf uns iss! sonst ist der Weg für dich zu weit. Und Elia ist gehorsam. Da stand er auf, aß und trank und wanderte dann kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Gottesberg Horeb.

Die meisten von uns sind keine Propheten und werden auch keine werden, so wie Elia. Und die meisten von uns sind auch nicht zu so Großem wie Wilhelm Löhe berufen, und dennoch sind wir in die Nachfolge gerufen, so wie diese beiden und beide haben gelebt aus der Kraft, der himmlischen Speise, wie sie ihnen Gott gegeben hat. Ich glaube, das ist das wichtigste, das wir hier lernen können. Auch der große Elia kommt an den Punkt seiner Erschöpfung. Und die Erschöpfung ist nicht das Problem. Sondern wichtig ist, dass er selbst in seiner Erschöpfung sich noch an Gott. Er gibt sich ihm ganz hin und erkennt: ich bin nicht besser als meine Väter. So nimm nun, Herr, mein Leben.

Und in dem Zurückgeben kann er sein Leben neu empfangen. Das ist echte Lebensübergabe. Und die Selbstbestimmtheit wandelt sich in eine Gottbestimmtheit: Iss und trink und Elia isst und trinkt und wird gestärkt für den Weg, dessen Ziel er noch nicht weiß, doch wir wissen, was am Ende seht. Am Ende steht die Begegnung mit Gott. Das können wir erleben, oft auch gerade in den Wüsten unseres Leben, wenn wir erschöpft alle Selbstbestimmtheit an Gott zurück geben und ausrufen: Ich kann nicht mehr. Nimm hin – mein Leben. Und Gott nimmt es und gibt es uns neu zurück. Iss und trink. Brot und Wasser stehen bereit für dich. Stärke dich, sonst wird der Weg für dich zu weit.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

 1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
7 Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.

11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

 


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