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Liebe Leser,
„Während die Spinne sieht, jedoch nicht weiß, wie sie ihr Netz webt,
können (auch) wir kaum überblicken, was wir erweben, in welch
unmäßiger Feinheit der Bezüge wir jagen und leben. Und ob nicht
unser Gebild, das absolute Fragile, verwehter noch ist als die Luft
selbst und ob es irgendwo auf- oder zwischenhängt und ob es Figur
hat und wem, wem erkennbar? Mit jedem Augenaufschlag steigt die
Unwissenheit, und das sonnenklare, erobernde Wissen steigt auf der
Leiter der Unwissenheit empor, die sich um jede genommene Sprosse
doppelt nach oben verjüngt. Wo ist das Herz, wenn der Organismus in
ein Vielfaches an Kreis- und Netzläufen, von Komplexen, Systemen und
Untersystemen, sich selbst organisierend, aufgelöst wird?
Wissenschaft und Technik haben ihre kybernetischen Leitbilder bis in
die feinsten Darstellungen von Blut und Nerv, Geist und Enzym
getragen – aber das Herz, das Herz? Das Herz ist das Ganze. Wessen
Herz dann? Sind wir eines anderen Mitte? Wem schlagen wir?“ (Botho
Strauß, Fragmente der Undeutlichkeit, Hanser 1989, S. 47)
Mit diesem Zitat des Schriftstellers Botho Strauß ist die Frage
gestellt, ohne deren Beantwortung wir vor unserem heutigen
Predigttext stehen bleiben müssten, wie der berühmte Ochse vor dem
berühmten Berg. Wem schlagen wir?
Uns selbst, sagen wir trotzig, auch wenn wir aus dem Mittelpunkt
unseres Sonnenssystems vertrieben wurden durch Galileo Galilei, aus
dem Mittelpunkt unserer Milchstraße und des Universums durch die
Astronomie, aus dem Mittelpunkt unserer Psyche durch die
Psychologie. Eine kleine sturmumtoste Insel in einem gewaltigen
Ozean des Unbewussten, hat Carl Gustav Jung unser Bewusstsein
genannt. Und die moderne Bewusstseinsforschung meint, das Ich sei
erfunden worden, um uns eine Vorstellung vom Zustand unseres
Organismus zu vermitteln. Der Unterschied zum Hund bestehe lediglich
darin, dass wir Menschen uns heute noch daran erinnern können, wie
es uns gestern ging.
Wem schlagen wir? Vielleicht ist die Kette der Demütigungen, die wir
durch unser Wissen über die Welt und uns in den letzten
Jahrhunderten erlitten haben, der Grund dafür, dass wir uns
allgemein mit solchen Fragen nicht gerne beschäftigen und uns an das
halten, was wir um uns haben: Das Haus, den Beruf, das Geld, die
Familie, das Vaterland. Nur Pflicht und Arbeit kanntest du, heißt es
auf Traueranzeigen. Sie war immer für ihre Familie da. Kein böses
Wort! Hier hat ein Herz geschlagen und reibungslos funktioniert für
den Zweck, den es sich oder den andere ihm zugedacht hatten. Und wir
klatschen Beifall.
Paulus nicht. Paulus ist der Überzeugung, dass wir nicht uns selbst
und auch nicht anderen schlagen, sondern Gott allein. Paulus ist der
Überzeugung, dass wir nicht unser eigener Mittelpunkt und auch nicht
der Mittelpunkt anderer sind, sondern dass unser Leben im
Mittelpunkt der Liebe Gottes steht. Wem schlagen wir? Unserem
Schöpfer allein! Und vielleicht ist es deshalb auch ER allein, der
unser kleines Ich wahrnehmen und erkennen kann, als das, was es ist.
Woran Du dein Herz hängst, das ist eigentlich Dein Gott, hat Martin
Luther pointiert formuliert. Wenn unser Herz Gott schlägt und ihm
gehört, hat das Konsequenzen. Der Glauben justiert das
Koordinatensystem des Denkens und Handelns neu ein. Und davon
spricht Paulus in unglaublichen Sätzen der Freiheit.
Sätze unglaublicher Freiheit sind das, und nicht der Geringschätzung
und Abwertung. Auch wenn die bürgerliche Moral eben das solchen
Worten der Freiheit vorwirft. Hat in der Ehe nicht zu gelten: Du
bist mein ein und alles? Feinsinnigerweise spricht Paulus hier die
Männer an, die solches gerne von ihrer Liebsten hören. Und dann
sagen: Dann mach, was ich Dir sage, wenn Du mich liebst! Welche
zerstörende und unbarmherzige Macht können Besitzverhältnisse in
einer Beziehung entwickeln! Kahlil Gibran lässt deshalb seinen
Propheten zur Ehe sagen: „Lasst Raum zwischen euch. Liebt einander,
aber macht die Liebe nicht zur Fessel: Lasst sie ein wogendes Meer
zwischen den Ufern eurer Seelen sein. Singt und tanzt zusammen und
seid fröhlich, aber lasst jeden von euch auch allein sein; so wie
die Saiten der Laute allein sind und doch von derselben Musik
erzittern. Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut. Denn
nur Gottes Hand kann eure Herzen umfassen. Und steht zusammen, doch
nicht zu nah: Denn die Säulen des Tempels stehen für sich und die
Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.“
(Gibran, Der Prophet, Walter 1994, S.16).
Eine Frau haben, als besitze man keine! Dieser Satz macht Ernst mit
der eigenen Freiheit und der Freiheit des anderen, der wie ich
selbst nicht irgendjemandes Besitz ist. Denn nur Gottes Hand kann
eure Herzen umfassen. Das ist das Geheimnis einer dauerhaften
Beziehung, in der nicht einer von beiden untergeht und nach
Jahrzehnten bis zur Unkenntlichkeit verheiratet ist. Nur so
funktionieren wahre Beziehungen zwischen aufrecht bleibenden
Menschen. Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut. Habt
einander als Menschen, die Gott gehören.
Und genauso buchstabiert Paulus das hinein in unser Selbstverhältnis
und in unser Weltverhältnis. Habt die Welt als eine Welt, die Gott
gehört. Habt Euch selbst als jemanden, der Gott gehört. Die Würde
des Menschen, wie sie in unserem Grundgesetz in Artikel 1
festgeschrieben ist, hat darin ihren Ursprung und Grund. Würde hat
der Mensch, weil er Gott gehört. Und deshalb ist diese Würde ihm
selbst aber auch anderen entzogen. Wer sie verletzt bekommt es mit
Gott zu tun. Und deshalb ist, darf und kann die Würde des Menschen
nicht Gegenstand einer Kulturdebatte sein.
Gar gräulich war die Diskussion über die „Deutsche Leitkultur“, die
heute als Diskussion über die „Europäische Leitkultur“ wiederkehrt!
Was ist dieser Begriff anderes als die Ermunterung, sich über die
Menschen anderer Kultur zu erheben und sich eine Klasse besser zu
fühlen? Und steht nicht zu befürchten, dass ihn sich z.B. die gerne
zu eigen machen, deren kulturelles Wochenereignis der
Musikantenstadel ist, während draußen eine Videokamera die
Unversehrtheit der Gartenzwerge überwacht? Wie scheinheilig
diskutieren hier Menschen, die sich am liebsten von amerikanischen
Hamburgern, italienischer Pizza und türkischem Döner ernähren und
ihre Bekannten zur Halloweenparty einladen? Wer kann so
selbstvergessen solche Debatten für Dampfköpfe immer wieder vom Zaun
brechen, als säßen wir 70 Jahre nach Auschwitz nicht länger in der
historischen Ausnüchterungszelle. Als wäre in unserem Grundgesetz
nicht längst alles gesagt, was in unserer Gesellschaft Wertekonsens
ist und für alle, die in unserem Land leben, zu sein hat und als
gäbe es nicht auch genug Volksgenossen, die über diesen Wertekonsens
dringend Nachhilfeunterricht bräuchten.
Was uns das Unsere wirklich wert ist, das zeigt sich nicht an
Stammtischparolen, sondern daran, was wir dafür tun. Und die geringe
Wahlbeteiligung bei politischen Wahlen und die noch geringere bei
kirchlichen Wahlen, spricht eine deutliche Sprache. Wir bringen das
Unsere in Gefahr durch unsere Gleichgültigkeit.
Gleichgültigkeit ist die Sache des Paulus nicht. Haben, als hätte
man nicht, das kann nur der, der auf sich selbst, auf den anderen
und auf die Welt in ganz neuer Weise aufmerksam wird und deren
Gottgehörigkeit entdeckt. Dass die Zeit kurz ist und das Wesen
dieser Welt vergeht, ist dabei keine Binsenweisheit, sondern
Einsicht in das Erlösungshandeln Gottes, der das Alte vergehen lässt
und das Neue ins Leben ruft. Das Alte darf deshalb Gott überlassen
werden. Nur seine Hand kann unsere Welt und unsere Herzen umfassen
und heil machen. Wer sich an das Wesen dieser Welt klammert, wie an
den letzten Horizont, steht Gott im Weg. Und manchmal auch sich
selbst.
Ist das nicht tröstlich, wenn unsere Tränen letztlich dem Gott
gehören, der sie alle abwischen wird und unser Lachen hineinhallt in
die Ewigkeit? Wenn Gott die Menschen, die wir lieben hält und das,
was wir sind und haben, zum Vorletzten wird? Da können wir dann
schon fast unverschämt unbeschwert und fröhlich unsere Straße
ziehen. Den letzten Ernst unseres Lebens in seine Hände legen und
unsere Herzen ihm schlagen lassen.
Pfarrer Johannes Taig
(Hospitalkirche Hof) (weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter
www.kanzelgruss.de) |
Text:
Paulus schreibt:
29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die
Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als
hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht;
30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen,
als behielten sie es nicht;
31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn
das Wesen dieser Welt vergeht. |