Predigt    1. Korinther 3/9-15   12. Sonntag nach Trinitatis   18.08.02

"Von der Körperschaft Jesu Christi"
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche)

Liebe Leser,

die Gemeinde in Korinth war ein Kind der Paulusmission. Paulus ist mit diesem Kind nicht immer glücklich gewesen. Bereits nach wenigen Jahren war diese Gemeinde ein Flickenteppich von Gruppen und Kreisen, die ihren jeweils eigenen Hofprediger und ihre eigenen Schwerpunkte des Gemeindelebens hatten. Da gab es die Liberalen, die auf jede Moral pfiffen, oder die Charismatiker, die im Heiligen Geist in fremden Sprachen reden konnten. Und manche von den Liberalen waren Charismatiker und manche Charismatiker liberal. Und das konnte all denen natürlich nicht gefallen, die daran festhielten, dass ein Christenmensch wenigstens ein paar Regeln des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens zu befolgen hat.

Ein Wunder war diese Situation der Gemeinde in Korinth nicht. Lebte sie doch in einer Zeit, in der an jeder Straßenecke ein anderer seine religiösen Überzeugungen anbot. Kultig ging es in jedem Hinterhof zu. Was die Gemeinde in Korinth eigentlich war und eigentlich wollte – angesichts des Drunter und Drüber in und um die Gemeinde herum, konnte das kaum noch jemand sagen.

Heute ist das ja gar nicht viel anders. Da rief neulich im Dekanat ein Liedermacher an, der das Haupt einer dieser vielen freikirchlichen Gruppen ist, in denen das Christsein in angeblich noch nie da gewesener Echtheit und Ursprünglichkeit gelebt wird, und bot Liederabende für die Einheit der Christen an. Er bekam zur Antwort, wenn er und die Seinen nicht schon wieder einen neuen Verein aufgemacht hätten, wären wir in dieser Frage schon weiter.

Ich schreibe immer wieder einmal an die Macher von kommunalen Gemeindeseiten im Internet und weise darauf hin, dass es nicht zutreffend ist, die Kirchengemeinde unter „Vereinen“ aufzuführen. Rechtlich betrachtet ist sie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Mit Paulus betrachtet sind sie eine Körperschaft Jesu Christi. Ach, das Problem ihrer Einheit begleitet sie, seit es sie gibt.

Besonders die evangelische Kirche hat sich in ihrer Geschichte recht wenig Gedanken gemacht, wie die Kirche als Körperschaft Jesu Christi zu verstehen ist. Der Neutestamentler Jürgen Roloff spricht gar vom „notorische Desinteresse der lutherischen Theologie an Gestalt und Wesen der Kirche. Es hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass man Modelle für Leitung und Aufbau der sichtbaren Kirche mehr oder weniger sorglos aus anderen Bereichen übernahm. So war jahrhundertelang das Paradigma der staatlichen Organisation für die lutherischen Kirchen maßgeblich mit der Folge, dass die Kirche Züge einer obrigkeitlichen Behörde annahm. Das Pfarramt kam so im allgemeinen Kirchenbewusstsein unmittelbar neben dem Postamt und dem Finanzamt zu stehen.“ (Jürgen Roloff, Die Torheit des Kreuzes und die Weisheit der Personalentwicklung. Acht Thesen, S. 4, Link siehe Hintergrund)

Wen wundert es da, dass unsere Kirche in diesen Tagen versucht, ihren Bestand durch „verwaltungsinterne Maßnahmen“ sicherzustellen. Sie verordnet sich und den Ihren ein einheitliches Erscheinungsbild und einheitliche Maßnahmen zur Sicherstellung einer vergleichbaren Qualität und Quantität ihrer Serviceleistungen für ihre Kunden, wie Gemeindeglieder heute heißen. Bei der Frühjahrssynode wagte ein Pfarrer und Synodaler im Plenum zu fragen, was denn das Motto der kirchlichen Werbekampagne „Wir sind so frei“ eigentlich bedeute. Er bekam die genauso oberkirchenrätliche wie rotzfreche Antwort: „... ich würde mir komisch vorkommen, wenn ich ihnen als Theologe sagen sollte, wie das in Gemeindesprache umgesetzt werden muss. Das tun sie ja jeden Sonntag in der Predigt.“ (Verhandlungen der Landessynode, 1. Tagung (108), März 2002, S.119)

Seit wann ist es Aufgabe von Theologen, kirchliche Werbeslogans auszulegen und nicht vielmehr die Heilige Schrift? Dort steht leider oder besser Gott sei Dank nirgends: Wir sind so frei! Das könnte ja auch ein Slogan jener Postmoderne sein, der alle Werte abhanden gekommen sind. Seit wann sind denn Pfarrer Angestellte und Untergebene eines Landeskirchenamts und nicht vielmehr Theologen, die sich die Gemeinde vor Ort berufen hat zum Dienst am Wort und Sakrament? Als was hätte Paulus die modernen Bestrebungen zum Erhalt der Kirche bezeichnet? Als Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, oder Stroh? Wo kommen wir hin, wenn wir gezwungen werden vor allem unsere eigenen Maßnahmen und Slogans auszulegen und erst in zweiter Linie das Evangelium? Denn einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Im Augsburger Bekenntnis, dem grundlegenden Bekenntnis der Evangelischen lesen wir: „Das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden“ (CA 7). Wer - diese Sätze vor Augen - heute seine Kirchenpost durchsieht braucht einen großen Papierkorb oder einen Kaminofen.

Daher ist es höchste Zeit, dass wir uns mit Paulus wieder einmal unserer Grundlagen bewusst werden. Wenn Christus der einzige Grund seiner Kirche ist, heißt das für die Gemeinde, dass sie für ihre Grundlage nicht garantieren kann. Denn für Jesus Christus können wir nicht garantieren. Er selbst würde sich das verbitten. Wer der Kirche andere Fundamente einziehen will, wird scheitern. Dies ist nicht allein Mahnung, sondern auch Entlastung. Kirche wird nicht bleiben, wo Gott sie nicht haben will, und wenn wir uns alle Beine dafür ausreißen. Und deshalb sollten wir Letzteres tunlichst bleiben lassen.

Wo aber Kirche durch das Wort und Sakrament entsteht, sind wir nicht nur als Hörer und Zuschauer gefragt. Christus ruft Menschen in seinen Dienst. Wo Gemeinde wächst braucht sie eine ordentliche Verwaltung, funktionierende Strukturen, eine Vielzahl von Mitarbeitern, die vielfältige Dienste für das Ganze übernehmen. Heute braucht sie sogar Telefon und Fax und Internet. Die Vielfalt kirchlicher Erscheinungsbilder, Traditionen und Gebräuche ist ein Reichtum der Kirche und Ausdruck der Phantasie und Kreativität ihrer Menschen und des Heiligen Geistes.

Zur Bedrohung werden all diejenigen Mitarbeiter, Strukturen und Aktivitäten, die nicht mehr dienen, sondern herrschen wollen. Wo zwei oder drei mit mir versammelt sind, da ist „das Himmelreich“ ganz nah? Falsch, „die Hölle“ muss es heißen. Dass am eigenen Wesen auch die anderen genesen sollen, ist ein typisch deutscher, kein typisch biblischer Zug. Die Kirche findet Genesung und Einheit am Wesen ihres Christus. Und sonst nirgends. Denn einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Wenn wir uns wieder einmal daran erinnern, dann werden wir gelassen bleiben angesichts einer Kirche, die in unserer Gesellschaft an Boden verliert und angesichts einer Kirche, die sich – um das zu verhindern – mit ihren Aktionen lächerlich macht. Wir werden gelassen bleiben angesichts des gnadenlosen Wettbewerbs auch auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten und angesichts des eitlen Wettbewerbs ihrer Prediger und Führer. Wer ist Apollos? Wer ist Paulus? Fragt Paulus fast mit Hohn in der Stimme einige Verse vor unserem Predigttext. Um von der Gemeinde zu sprechen, sind alle Namen ebenso entbehrlich, wie die, die sie tragen. Kirche ist Gottes Bau, Gottes Ackerfeld, auf dem Gottes Mitarbeiter tätig sein dürfen. Sie kommen und gehen. Und trotzdem gibt es sie noch und wird es sie geben: die "Körperschaft" Christi. Aber das haben wir nicht uns selbst zu verdanken. Gottes Gnade ist es.

Hintergrund:
Jürgen Roloff ,"Die Torheit des Kreuzes und die Weisheit der Personalentwicklung - Acht Thesen"pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich
Die Debatte zur "Modernität der Kirche"
von März bis Mai 2002 in der SZ



Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv  unter  www.kanzelgruss.de )

Text: 

Paulus schreibt:

(9)Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
(10)Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
(11)Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
(12)Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
(13)so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird's klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
(14)Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.
(15)Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.
 


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